Wien Museum: "Krämerische Geldsucht"

Das Wien Museum beleuchtet Schieles Karriere und seine Beziehung zu Mentor Roessler.

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nnerhalb von knapp zehn Jahren ent wickelte sich Egon Schiele vom unbe kannten Akademie-Abbrecher zum als Einzelgänger verklärten Star der Wiener Avantgarde-Szene. Wie funktionierte Anfang des 20. Jahrhunderts dieser Mechanismus? Wer entwickelte die Marke "Schiele"? Wer pflegte nach dessen Tod 1918 die Legende vom einsamen Außenseiter?

Anhand der exemplarischen Verbindung von Egon Schiele zu seinem Entdecker, Förderer und zeitweiligen Manager, dem "Kunstschriftsteller" Arthur Roessler, seziert das Wien Museum in einer feinen, prägnanten Ausstellung die Verhältnisse am Wiener Kunstmarkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Keine "reine" Kunstausstellung, sondern ein kritischer kulturgeschichtlicher Rückblick. Denn der von 1908 bis 1922 als "Kunstreferent" der Wiener Arbeiter Zeitung bekannte Publizist ist keine unumstrittene Figur - er vereinte in einer Person Kritiker, Sammler, Händler, Manager, Biograf. Eine heute unseriös wirkende Mischung, die laut Gast-Kurator Tobias G. Natter allerdings typisch war für das "Funktionieren der Wiener Kunst" am Übergang zur Moderne.

Im Gegensatz zu anderen europäischen Städten, in denen sich nach Pariser Vorbild ein professioneller Handel mit zeitgenössischer Kunst etablierte, verliefen die Wiener Karrieren damals immer noch vorwiegend über gesellschaftliche Netzwerke. Und in diesen war der 1877 in Wien geborene Roessler durch seine Arbeit in den Galerien Miethke und Pisko bestens verankert. Bei Pisko lernte er 1909 auch den 19-jährigen Schiele kennen, ein Studien-Abbrecher, der hier gemeinsam mit der Gruppe "Neukunst" das erste Mal ausstellte. Daraus entspann sich eine intensive Zusammenarbeit, die nur wenige Jahre, bis 1913, bestand, erschwert durch zwei eigenwillige Charaktere. Man trennte sich im Streit, Roessler warf Schiele "Bockigkeit" und "krämerische Geldsucht" vor, was dieser wohl auch umgekehrt konstatiert hätte. Nach Schieles Tod prägte Roessler, der sich von der Künstler-Mutter alle Rechte an Bildern und Texten überschreiben ließ, mit drei Monografien dessen Image für die Nachwelt.

Im Tausch gegen Berichterstattung und die Vermittlungen konnte sich Roessler in den fünf gemeinsamen Jahren eine der wichtigsten Sammlungen früher Schiele-Werke aufbauen. Mehr als 20 Ölbilder und dutzende Grafiken häuften sich in seiner Wohnung in der Billrothstraße 6, zwischen Bergen von Büchern und Kunst. Denn Roessler "förderte" nicht exklusiv Schiele, sondern u. a. auch Anton Faistauer, Max Oppenheimer, Otto Rudolf Schatz. Mitnichten ein rein selbstloses Engagement, das zeigte seine tausende Stück zählende Sammlung.

Ein vergleichsweise kläglicher Rest von 1400 Werken von über 130 Künstlern gelangte 1955 in den Besitz der Museen der Stadt Wien. Nach jahrelangem Zögern hatte die Politik doch noch entschieden, Roesslers Nachlass gegen eine lebenslange Leibrente zu übernehmen. Der verarmte Kunstexperte starb fünf Wochen später.

Akribisch versucht die Ausstellung, diese Kunstsammlung zu rekonstruieren und die Mythenbildung sowohl des eigenbrötlerischen Künstlers als auch des selbstlosen Kunstkritikers zu durchleuchten. Zu den hauseigenen vier Schiele-Gemälden aus Roesslers Besitz, allen voran dessen Porträt aus 1910, borgte man sich vier weitere aus der Sammlung Leopold, die der findige Sammler Roessler noch zu Lebzeiten abgekauft hatte, darunter die "Tote Mutter I". Raffiniert ist auch Luigi Blaus Ausstellungsgestaltung, der das Problem der unterschiedlichen Lichtverhältnisse für Gemälde und Grafik mit einer heimeligen Nischen-Architektur lösen konnte.

Bis 10. Oktober, Di. bis So. 9-18 Uhr.

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