Für das Wiener Museum moderner Kunst arrangierte US-Künstler Mike Kelley seine Grusel-Wunderkammer "The Uncanny" aus 1993 neu.
Narrenturm und Geisterbahn, Kanalsystem, Komponisten-Sterbezimmer, der dunkelgraue Kenotaph für moderne Kunst im Museumsquartier. Wien ist reich an düsteren Orten. Ein Klischee, das Mike Kelley (59), ein Hauptvertreter der kalifornischen Kunstszene, während der Vorbereitung für eine Ausstellung in der Galerie Krinzinger 1992 in die Sinne schoss. Ein wahrer Kenner des Makabren. Gemeinsam mit Paul McCarthy hatte er schon den Wiener Aktionisten gehuldigt und seinen Freud gelesen. Ein Jahr später entstand für eine Skulpturen-Schau im holländischen Arnsheim ein kurios-grandioses Sammelsurium. Der Künstler zeigte farbige figürliche Skulpturen, von altägyptischen Grabbeigaben bis zu Relikten der Ära des Pop. "The Uncanny" - das Unheimliche, stand als Titel über dieser Genres und Zeiten verbindenden Anhäufung von künstlichen Abbildern unserer Selbst.
Dieser Wunderkammer wurde jetzt auf Ebene sechs des Museums Moderner Kunst der Staub weggeblasen. Mike Kelley hat seine legendäre Zusammenstellung für die Wiener Institution generalüberholt. Kein einziges Stück hat er selber gefertigt. Alles ist geborgt. Wissenschaftlich recherchiert von Kelley. Diese Wiederbelebung nach über zehn Jahren ist allein deshalb ein zeitgeistiges Unterfangen, weil das Verschwimmen der Grenzen zwischen Künstler Kurator, Kritiker heute aktueller scheint denn je.
Außerdem boten die Mumok-Bestände an Kunst der 60er und 70er Jahre trotz aller Lücken gutes Material für Kelley. So ist John de Andreas superrealistische "Woman on Bed" eine der eindrücklichsten Figuren der Ausstellung. Fast glaubt man zu sehen, wie der schläfrige Atem ihre Brust hebt und senkt. Mit dem "Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei", erklärte Psychiater Ernst Jentsch 1906 das Unheimliche. Als Erreger nannte er Wachsfiguren, Puppen, Automaten, aber auch Epilepsie, Wahnsinn. Seine Theorie inspirierte 1919 Sigmund Freud zu einer Analyse dieser "Nuance des Schreckhaften". Er widerlegte Jentsch, der sich das Unheimliche vor allem durch "intellektuelle Unsicherheit" bei der Konfrontation mit dem Neuen erklärte. Für Freud ist das Unheimliche das Heimliche-Heimische, das wieder Erkennen von "etwas Vertrautem, das durch Verdrängung entfremdet wurde". Schon lange aber, gesteht Freud, habe er nichts erlebt, was ihm selbst diesen Eindruck gemacht hätte. Er wäre wohl dankbarer Kunde Kelleys gewesen.
Doch die Ausstellung zielt nicht allein auf Schauder und Gänsehaut. Zur psychoanalytischen Ebene gesellt sich die kulturhistorische, die Tradition der realistischen farblichen Skulptur. Ohne Hierarchie wuchern Madonnen neben Gummipuppen, eine Video-Skulptur von Tony Oursler neben Tierpräparaten und Football-Spielern von Duane Hanson, Dieter Roths Schoko-Büste, Prozessions-Figuren, ein Foto von Kokoschkas Alma-Puppe. Gut vertreten ist der Hyperrealismus der Young British Artists wie Ron Mueck und den Chapman-Brüdern. Maurizio Cattelan, der unlängst mit vom Baum hängenden Kinderfiguren für Aufregung sorgte, fehlt allerdings schmerzlich. Selektion des Künstlers? Oder ein Problem mit den Leihgaben? Als Kontrapunkt zum Figurenkabinett schneidet Kelley zum Schluss noch die Sammel-Leidenschaft als solche an, mit seinen "Harems" genannten Privat-Kollektionen von Quietschpuppen, Steinen, Visitenkarten etc.
Hier endet ein abenteuerlicher Pfad, der weniger unheimlich als wundersam ist, und kurz schreckt man auf, wenn sich plötzlich ein Aufseher aus der starren Kulisse löst.
Bis 31. 10., Di.-So. 10-18 h, Do. 10-21 h.