Kunstmarkt: Teure Mädchen, schwere Klunker

Große Nachfrage nach großer Qualität und ein sehnsüchtiger Blick in den Osten: eine Vorschau auf 2004.

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errlicher Schnee ist es, kein ekli ger Schimmel, der Städte und Landschaft überzieht. Bis ins frü he 17. Jahrhundert galt der Winter den Malern aber ausschließlich als Zeit des Leidens. Erst der Holländer Hendrick van Avercamp (1585 bis 1634) ließ die Menschen in seinen Bildern die Vergnügungen der Kälte entdecken. Doch bleibt das lustige Völkchen auf dem Eis ganz für sich. Keiner lugt von der Leinwand, um den Betrachter vielleicht zum Eis-Laufen einzuladen. Ein Schicksal, das Hendrick Avercamp vermutlich geteilt hat. Als "De Stomme van Campen" war der taubstumme Spitzenmaler bekannt. Zwischen vier und sechs Millionen Dollar schätzt Sotheby's das äußerst seltene Gemälde aus einer europäischen Privatsammlung. Am 22. Jänner kommt es als Höhepunkt der "Alten Meister"-Auktion in London auf den Markt.

Nach einem kriegsbedingten Einbruch (Irak) im ersten Halbjahr 2003 scheint der High-Quality-Kunstmarkt wieder erstarkt. So zeigten es jedenfalls die großen New Yorker Auktionen im Herbst, wo Meisterwerke die Rekorde nur so purzeln ließen. Es sind also keine Floskeln, wenn Sotheby's-Österreich-Chefin Andrea Jungmann dem neuen Jahr schon im Vorfeld Lorbeer verleiht. Das Problem liege vielmehr im Angebot: "Es gibt immer weniger erstklassige Ware - und um diese herrscht große Konkurrenz."

Große Nachfrage herrscht etwa nach Klimt und Schiele. Beide haben 2003 Rekordpreise erzielt: Klimt mit "Landhaus am Attersee" (22,6 Millionen Euro) und Schiele mit der aus Linz restituierten "Krumauer Landschaft" (18,1 Millionen Euro). Am 3. Februar bietet Sotheby's wieder österreichische und deutsche Kunst in einer Spezialauktion an, mehrere Lose kommen aus österreichischem Privatbesitz. Ein Höhepunkt ist die noch nie am Markt gesehene Schiele-Gouache "Mädchen mit grüner Schürze" aus 1910 (664.000-937.000 €).

Am selben Abend bietet Sotheby's in London auch Impressionisten und Surrealisten an. Einen Tag früher, am 2. Februar, bietet Konkurrent Christie's zu Salvador Dalis 100. Geburtstag ein Hauptwerk des Surrealisten an: "L'©cho du vide" (1,7 bis 2,5 Mill. Â€). Das Top-Los des Abends aber ist das "Porträt der Jeanne H©buterne" von Amadeo Modigliani, 1919 (7 bis 9,9 Mill. €). Weniger der Preis als die Rarität zeichnet die Christie's-Tages-Aktion der Impressionisten und Modernen am 3. Februar aus: Fünf Ölbilder von Koloman Moser sind im Angebot. Seit ihrem Erwerb im Wien der 20er Jahre waren die Bilder laut Christie's nicht mehr öffentlich ausgestellt.

Eine Hoffnung für die Wiener Dependancen der internationalen Auktionshäuser sind die heuer der EU beitretenden Länder im Osten. Sotheby's betreut von Wien aus Budapest mit, bei Christie's Wien - am 21. Jänner werden hier Juwelen, Uhren für eine Auktion in St. Moritz gezeigt - kommt noch Prag dazu: "sofern ein Markt hier überhaupt vorhanden ist", bedauert Christie's-Residentin Angela Baillou die strengen Ausfuhrgesetze in diesen Ländern. Und: "Diese müssen sich bei EU-Beitritt nicht ändern." Das Beispiel Österreich aber gebe Hoffnung, so Baillou. Nur ein Jahr nach dem Beitritt, 1996, wurden die Ausfuhrgesetze modifiziert, die Wertgrenzen höher gesetzt. "Aus Tschechien etwa dürfen keine Alten Meister ausgeführt werden." Eine Änderung ist nicht abzusehen.

Das Wiener Dorotheum dagegen konnte sich über die Jahre in Tschechien etablieren. 1,4 Millionen € wurden 2003 in Prag durch Auktionen umgesetzt. Seine erste große Auktionswoche in Wien hat das Dorotheum für 23. bis 26. März angesetzt. Versteigert werden Alte Meister, Skulpturen, Möbel, Juwelen, Glas, Porzellan. Ende April starten die Wiener Kunstauktionen im Palais Kinsky: Die 49. Auktion am 27. April ist Gemälden und zeitgenössischer Kunst gewidmet.

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