T-B A21: Sex mit der Erinnerung, kein Feedback

Mit fünf qualitativ sehr unterschiedlichen Installationen der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff eröffnete Francesca Habsburg ihren Wiener Kunstraum.

Nach welchen Kriterien wird ein Video-Künstler gemessen? Nach dem State of the Art der Experimental-Filmer? Da würden plötzlich die meisten Black-Box-Stars ästhetisch und inhaltlich ziemlich blass wirken. Ein ähnliches Problem stellt sich bei interaktiven Installationen. Nicht, dass diese Versuchsanordnungen beim Ars-Electronica-Festival unbedingt öfter funktionieren würden, aber meist sind die Computer-Freaks ihren Kollegen von der Ausstellungs-Kunst hier um einige Jahre voraus. Ein technisches Dilemma. Gute Multimedia-Künstler retten sich über dieses Missverhältnis mit emotionalen und manipulativen Inhalten, mit dem Erlebnis-Faktor.

Mit dieser Gratwanderung balancierte die 1957 in Kanada geborene und jetzt in Berlin lebende Künstlerin Janet Cardiff bisher recht erfolgreich durch die Kunstwelt. Mal phänomenal gut, mal hart am Absturz in die Banalität. Das zeigen auch die fünf Installationen, mit der Kunstsammlerin Francesca Habsburg ihre Lieblingskünstlerin jetzt erstmals in Wien präsentiert. Vier Arbeiten sind im neuen "Space in Progress" der Thyssen-Bornemisza Art 21-Stiftung (T-B A21) in der Himmelpfortgasse 13 ausgestellt. Mit einem grandiosen Herzstück: Gedämpftes Licht fällt in der Mitte des abgedunkelten Raumes auf einen alten Holztisch. Unsicher schleicht man um ihn herum, gemahnt sich dann an den Titel - "To Touch". Wagt sich vor in den warmen Lichtnebel und lässt die Finger über die zerfurchte, schäbige Platte gleiten. Nichts passiert. Dann: ein Seufzen. Hier: ein Stöhnen. Messer werden gewetzt. "Deine Haut ist so zart." Ein Mann spricht. Eine Frau. Gesprächsfetzen, Liebesgeflüster, Andeutungen, Geräusche - das ist wie Telefonsex mit einem Wattebausch voll Erinnerungen. Und die Tischplatte ist das Mischpult, mit dem die im Dunkeln verborgenen Lautsprecher gesteuert werden können. Zwar ist "To Touch" schon über zehn Jahre alt, viel gereist und ausgestellt, doch erstmals ist dieser poetische Höhepunkt interaktiver Kunst in Wien angekommen. Allein für dieses Erlebnis lohnt sich der Weg in die "T-B A21"-Räume. Hier findet man in der aktuellsten Arbeit Cardiffs aus 2004 auch das negative Gegenstück: "Feedback" besteht aus einer Verstärker-Box und einem Fußhebel. Wer ihn betätigt, wird mit Jimi Hendrix' legendärem Woodstock-Gitarrensolo beschallt, einst als Protest gegen den Vietnam-Krieg gedacht, heute von Cardiff als Statement gegen den Irak-Krieg mehrzweckbenutzt. Den Fuß wieder vom Hebel genommen, stoppt die Aufnahme - die jaulenden, weil sowieso schon total zersäbelte US-Nationalhymne wird so weiter fragmentiert. Ein System, so "interaktiv" wie ein Lichtschalter.

Also Flucht in die temporäre T-B A21-Außenstelle Semperdepot, wo eine raumgreifendere Installation Cardiffs aus 2001 untergebracht wurde: Die Interaktivität besteht hier zwar nur steinzeitig in der Wanderung von einem der 40 im Kreis aufgestellten Lautsprecher zum nächsten. Aber die Idee ist so nett wie die Atmosphäre: Der Salisbury Cathedral Chor gibt den Renaissance-Choral "Spem in Alium" von Thomas Tallis. Alle Viertelstunden, Eintritt frei.

Bis 26. Juni, Himmelpfortg. 13, Wien 1, Di.-Sa. 12-19h. Bis 12. Mai: Semperdepot, Leharg. 6-8, Wien 6, Di.-Sa. 12-19h.

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