Kritik Ausstellung: Outlaws als Grübler, als Weise

Er gab der Armut Größe: Der ungarische Maler László Mednyánszky (1852-1919) im Oberen Belvedere.

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er Unterschied könnte gröber nicht sein: Wendet man sich nach links im Oberen Belvedere, stößt man auf eine Retrospektive zu Werner Bergs 100. Geburtstag. In der Flut der illustrierenden, stilisierenden und expressiv-bunten Bilder des 1904 im Wuppertal geborenen, in Kärnten sesshaft gewordenen Malers herrscht eine zu hinterfragende Idylle: Neben einem Zaun hält ein zufrieden aussehender Landstreicher ein friedliches Nickerchen. Daneben wedelt fröhlich sein Hund. So schön kann diese Freiheit durch Besitzlosigkeit sein, oder?

Genau dieses "oder?" findet, wer sich im oberen Belvedere nach rechts wendet. Aus dunklen, düsteren Gegenden ohne Grenzen, ohne vorne, hinten, oben und unten, aus dem schmutzigen Nichts blitzen die Augen eines sich ängstlich umblickenden Jungen, der sich "Nach der Schlägerei" seinen verletzten Ellbogen reibt. Reißt der "Vagabundenkopf" seinen hohlen Mund auf, starr wie ein Fisch, die Augen blutunterlaufen. Und hebt der "Alte Mann" mit dem stechenden Blick drohend seine Augenbrauen, die Kapuze tief in die Stirn gezogen.

Der in Oberungarn (heute Slowakei) geborene László Mednyánszky (1852-1919) war der Maler der Armen, der Porträtist der Streuner und Bettler. In ihren Bildern erreichte der zu Unrecht im Westen wenig bekannte Künstler seine höchste Ausdruckskraft. Er zeigt die Outlaws als Grübler und Einsame, als Propheten und Weise. Warm leuchten ihre Gesichter, an Rembrandt erinnernd, aus ihren abseitigen Sphären. Mednyánszkys stimmungsimpressionistische Landschaften berühren uns heute weniger, wirken zu lieblich, fast kitschig.

Dabei nahm der homosexuelle Baron die Menschen im Schatten nicht als billiges romantisches Motiv, er näherte sich ihnen so gut wie möglich in Lebensart und Aussehen an, entschied sich für Rastlosigkeit. Es hielt ihn nie lange an einem Fleck, er studierte in München, in Paris, reiste zu den Freiluftmalern in Barbizon, nach Rom, Szolnok, wo er Tina Blau und August von Pettenkofen kennen lernte, befasste sich mit der Theosophie und dem Buddhismus. Seit den 1880er Jahren hatte Mednyánszky in Wien Ateliers gemietet, in der Mariahilfer Straße, in der Mollardgasse und in der Sobieskigasse, wo er im April 1919 starb. Vermutlich an einem Nierenleiden, heimgesucht von mehreren Schlaganfällen, geschwächt von seinen Reisen als Kriegszeichner für ungarische Zeitungen. Unbedingt wollte der 62-Jährige einrücken, was ihm ob seines Alters erst nach Interventionen erlaubt wurde. Der stille, ernste Mann mit dem wuchernden weißen Bart arbeitete wild, schuf in wenigen Monaten hunderte Bilder. Auch sein "Verwundeter" (1917) ist ein Mensch im Schatten, aufgesogen von braunem, unglücklichem Nichts, verletzt wie des Malers Kameraden auf der Straße.

Obwohl Mednyánszky, um dessen Zugehörigkeit die Ungarn und Slowaken streiten, Wien zur Wahlheimat gemacht hatte, besitzt bis heute keine öffentliche Sammlung ein Werk des schon zu Lebzeiten anerkannten Malers. Diese Geringschätzung zeigt sich auch im Belvedere - trotz des an sich erfreulichen Einsatzes: Der gefällige Berg kommt in die großen Sonderausstellungs-Fluchten, die umfangreiche, zuvor in Budapest und Bratislava gezeigte Mednyánszky-Personale wird stark zusammengestutzt in die Nebenräume verfrachtet.

Bis 30. Jänner, Di.-So. 10-18 Uhr.

Geschlossen: 24. und 25. 12.

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