Kritik Ausstellung: Zürnen gehört dazu

Josef Mikls Malerei in der Kunsthalle Krems - eine Retrospektive, die keine Retrospektive sein will.

Was machen sie heute, die "Stephans-Buben" von damals? Erstens hassen sie wohl alle diesen Sammelbegriff der späten 50er Jahre, der Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl und Wolfgang Hollegha anscheinend schmerzhaft an ihre gemeinsame Aufbruchszeit in Monsignore Otto Mauers Galerie St. Stephan erinnert. Long long time ago . . . Zweitens feiern drei der vier Akademie-Professoren in Ruhe heuer ihren 75. Geburtstag - Prachensky darf noch drei Jährchen warten bis zur obligaten Würdigungsausstellung. Drittens malen Österreichs Parade-Moderne immer noch. Und viertens malen sie immer noch so, wie man sie kennt und liebt, auch wenn das den eingebürgerten Avantgardisten nicht ins Konzept passen will.

Rainer übermalte gerade Charakterköpfe aus der heimischen Kunstszene, wie man bis vor kurzem in der Galerie Ulysses sehen konnte, Hollegha lud im Frühjahr in die Sammlung Essl, um die diffizilen Unterschiede zwischen seinen frühen Farbwolken und seinen späten Farbwolken bewundern zu lassen - und Josef Mikl, der grantigste dieser Runde, wirft ab Samstag in der Kunsthalle Krems seine gegenständlichen Abstraktionen und wahren Wahrhaftigkeiten dieser vulgären Welt vor. Eine berechnete Zumutung für seine Kunst, eine berechenbare Zumutung für den Betrachter. Wer Mikl mag, wird nicht enttäuscht sein. Überrascht also auch nicht.

"Retrospektiv" nennt sich diese Retrospektive, die keine sein will, obwohl Bilder, Zeichnungen, Schriften, Plakate aus den Jahren von 1947 bis 2003 versammelt sind. Falsche Bescheidenheit? Kann man sich fast nicht vorstellen, wenn man "die Hawranek" kennt, Mikls kritikermordendes Karikatur-Unwesen, das durch ihre Abenteuer den Zorn aus seiner Malerei fernzuhalten hat.

Dieser Rückblick ist ein zu persönlicher, um als gestandene Retrospektive durchzugehen. Nicht Mikls deklarierte Meisterwerke wurden aus allen Enden, Ecken und Depots Österreichs zusammengeliehen, sondern Carl Aigner durfte (oder musste?) rein aus dem Besitz des Künstlers wählen. Ein ambivalentes Privileg. Findet sich hier Übergebliebenes? Oder das Gegenteil, Auserwähltes? Nehmen wir Letzteres an und übergehen allzu privates Bastelvergnügen wie das "Kindertheater für Anna".

Nicht chronologisch geordnet, sondern in thematischen Gruppen und in ästhetisch motivierten Gegenüberstellungen wurde gehängt. Wir sehen die roboterhaften Pastellkreide-Figuren aus den späten 40er Jahren, Figuren aus wurstartigen Schläuchen Anfang der 50er, Figuren aus "schlampigen Quadraten" Mitte der 50er Jahre. Wir sehen die Farben explodieren in saftiges Orange und Schönbrunner Gelb und den Strich sich in unbeschwerte Schlaufen und Schwünge winden. Am ehesten irritieren die bieder anmutenden Stillleben mit Kakteen, Rosen und Paprika aus den 80er Jahren - aber damals galten ja auch neonfarbene Hosenträger als geschmackssicher.

Um Trends hat sich Mikl wirklich nie geschert. Das beweist einmal mehr diese Ausstellung. Nur, wer hat sich in Österreich schon je großartig um Moden gekümmert oder sie gar ausgerufen? Heute scheint Mikl schon fast wieder so unverschlüsselt gegenständlich zu malen wie in seinen Anfängen. Die Dinge dürfen wieder ihre oberflächliche Gestalt annehmen, müssen nicht ihre Strukturen und Befindlichkeiten nach außen stülpen. Marionettenfiguren torkeln da ungeniert über die leere Fläche - und, von Gogol inspiriert oder nicht, wirkt das schon fast wieder zeitgeistig. Igitt. Oder?

Von 6. 11. bis 13. 2., Täglich 10-17 Uhr.

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