Albert Oehlen schuf für die Secession 24 neue Bilder - und zeigt damit, wo die Malerei zurzeit steht.
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etrospektiv scheint alles immer ein fach: Nach der theorielastigen Mini mal- und Konzept-Phase durfte in den achtziger Jahren wieder die Malerei herausbrechen - jung und neu und wild und überhaupt. Dann kam ein bisschen Video, dann der Foto-Boom, und heute? Zurzeit kuscheln sich alle Genres in den Galerien, Museen und Messe-Kojen gleichberechtigt zusammen. Ein wenig aufgescheucht nur von immer schneller hintereinander ausgerufenen Trends, die dafür sorgen sollen, dass sich der Markt weiter dreht. Und einmal mehr gewinnt 2004 die gegenständliche Malerei, besonders wenn sie aus Deutschland stammt. Und wie schon in den lustigen Achtzigern spielt auch der 1954 in Krefeld geborene Albert Oehlen wieder mit, diesmal schon als relativ alter Meister.
Etwas zu beliebige Zuckerlfarben-Großformate Oehlens prangten etwa heuer in der schicken Malerei-Sektion der Biennale São Paulo und statt wie einst mit Martin Kippenberger und Bruder Markus fertigt Oehlen seine Gruppenarbeiten heute eben mit den neuen jungen Wilden wie jüngst äußerst erfolgreich mit Jonathan Meese. Die Wiener Secession aber bekam den in der Schweiz und Spanien lebenden Düsseldorfer Kunstprofessor ganz für sich allein, sogar mit einem eigens für das Haus geschaffenen Zyklus von 24 Bildern, die alle irgendwie um das Thema Interior-Design kreisen. Kein Wunder, spiegelt sich das eklektizistische, alle Stile durcheinander wirbelnde Wohnen von heute auch grandios in Oehlens Malerei wieder. Abstraktes, Expressives, Schwarzweißes, Traditionelles und Kitschiges würfelt der Künstler zu wuchtigen Collagen zwischen Werbe-Romantik und rauem Genie-Pinselstrich zusammen. Einer Foto-Tapete mit Palmen-Idylle verleiht er mit schneller Übermalung einen individuellen Charakter, in den Wohnzimmer-Kamin klebt er einen wütenden Waldbrand, das Poster einer Sängerin umfängt er mit psychedelischem Myzel, die Wurstplatte aus dem Kochmagazin stellt er aufs passend biedere Tischchen und eine Klimt-Nackte ins Badezimmer. Schräger Wohnen? Das ist nur das inhaltliche Gerüst, mit dessen Hilfe Oehlen auslotet, welche Effekte und Überraschungen man heute noch so herausholen kann aus dem guten alten Tafelbild. Dazu bedient er sich relativ simpel, aber schön zynisch schlampig der klassischen Collage-Technik.
Doch Oehlen kann auch völlig anders. Zwischen die knalligen Interieurs hängte er monochrome Leinwände, grau in grau schattiert, steinfärbig wie Grisaille-Bilder. Als hätten sich dicke Rauchschwaden um alle Dinge gewickelt, tauchen fragmentarisch Brücken, Personen, Straßen-Cafés auf, hoch gestreckte Hände, deren Titel "Rave" uns erst auf die richtige Spur bringen. Dramatisch romantisch, dramatisch anders als die Collagen und plötzlich ziemlich ernst. Beeindruckend sicher bewegt sich Oehlen im Hauptraum der Secession zwischen den Polen, hantiert souverän mit Traditionen und Zeitgeistern, und vor allem weit entfernt davon, sich dabei selbst zu verlieren.
Bis 30. 1., Di.-So. 10-18 h, Do. 10-20 h.