Die Akademie der bildenden Künste widmet dem legendären Stephen Shore, Pionier der Farbfotografie, eine erste Personale in Wien.
E
r war das Wunderkind der Fotogra fie. 1947 in New York geboren be kam Stephen Shore mit sechs Jahren ein Dunkelkammer-Set für Kids, knipste drei Jahre später bereits seine ersten Farbfotos - und im Alter von 12 kaufte ihm der große Edward Steichen einige Fotografien für das Museum of Modern Art ab. Da konnte es nicht mehr lange dauern, bis Andy Warhol den Knaben entdeckte - er hatte bei einem Festival einen Film des Teenagers gesehen, der die Fahrt mit einem Lift aufzeichnete. Stock um Stock jagte ein Türgitter das nächste. Und schon war Shore in der "Factory" angekommen, wo er drei Jahre lang lebte und den sich hier um Warhol berauschenden samtenen Underground ablichtete. Ein Star war geboren - und nicht nur für 15 Minuten. Mit 24 Jahren widmete das Metropolitan Museum Shore die erste Ausstellung eines noch lebenden Künstlers in seinen hehren Hallen.
Am Morgen des 3. Juli 1973 aber packte Stephen Shore eine schwere Großbildkamere in den Kofferraum seines Autos und fuhr los, Richtung Nowhere Land, nach Texas, Arizona, Pennsylvania etc. Hier und da packte er sein sperriges Gerät aus und porträtierte Abseitiges wie staubige Kreuzungen, einsame Tankstellen, wirre Stromleitungen. Unglaublich scharf, bis ins hinterste Detail. Mit dieser präzisen Technik beeinflusste Shore auch die deutschen Foto-Stars der 90er, die "Struffskys" (Struth, Ruff, Gursky). Elf Jahre lang brach er immer wieder zu solchen Touren quer durch die USA auf. Mit der "Uncommon Places"-Serie wird der Fotograf an der Schnittstelle von Kunst und Dokumentation noch bis heute identifiziert.
Kaum einer wusste, dass der neben William Eggleston zu den anerkanntesten Vertretern der künstlerischen Farbfotografie zählende Mann im vergangenen Semester als Gastprofessor an der Wiener Akademie lehrte. Vielleicht startet auch deshalb hier, und nicht in Paris, Los Angeles, Vancouver oder London die Welt-Tournee von Shores Retrospektive. Vielleicht aber auch deshalb, weil Akademie-Rektor Stephan Schmidt-Wulffen ausgewiesener Shore-Experte ist - er schrieb den Text zum seit langem vergriffenen und heuer im Frühjahr neu aufgelegten Werkverzeichnis der "Uncommon Places" (Schirmer und Mosel).
Jedenfalls ist diese Ausstellung ein wesentlicher Beitrag zum "Monat der Fotografie", der diesen November in Wien erstmals parallel zu Paris und Berlin ausgerufen wurde. Chronologisch kann man Shores Entwicklung folgen, von seinen konzeptuellen Ansätzen in den frühen 70er Jahren, nachdem er Warhols Studio verlassen hatte, bis zu den paradiesischen Landschaftsaufnahmen der 90er Jahre. Bevor Shore die große 8x10-Inch-Plattenkamera bei seinen präzisen USA-Porträts für sich entdeckte, experimentierte er noch mit der Schnappschuss-Ästhetik - eine Technik, zu der er jetzt gerade wieder zurückgefunden zu haben scheint. Zurzeit fotografiert er mit einer kleinen Digital-Kamera, mit der er in Wien etwa den Naschmarkt erkundet hat. Es entstehen kleine, rasch vom Computer heruntergedruckte Fotobüchlein. Ein Schock vielleicht für Fotografie-Fundamentalisten, die Shore für seine perfekte traditionelle Technik vergöttern. Und noch mit einer anderen Legende räumte der unprätentiöse Star bei der Eröffnung seiner Wiener Retrospektive auf: Er arbeite nur selten mit den ihm immer zugeschriebenen "Kontaktabzügen" - in der Größe eins zu eins ausgearbeiteten Negativen -, sondern er vergrößere sein Bilder meist etwas. Allerdings würde er sie nie wie die "Struffskys" auf Mega-Formate aufblasen - "das interessiert mich nicht".
Bis 12. 12., tägl. 11-18 Uhr, Schillerplatz 3, Wien 1, Eintritt frei.
Dem Phänomen Fotografie an sich widmet sich übrigens auch die aktuelle Jahres-Ausstellung der Akademie. Die Experimente und Untersuchungen von 25 Studenten der unterschiedlichsten Klassen sind im Mehrzwecksaal des Atelierhauses zu entdecken. Bis 4. 12., Semperdepot, Lehárg. 8, Wien 6.