Die viel diskutierte Sammlung von Friedrich Christian Flick wurde in Berlin eröffnet - eine Mega-Schau zeitgenössischer Kunst.
Ganz ohne Nebengeräusche konnte am Dienstag auch die Eröffnung der Flick-Collection nicht über die Bühne gebracht werden: "Wir fordern: Freier Eintritt für ehemalige ZwangsarbeiterInnen", "Steuerflüchtlinge zeigt eure Schätze" las man auf den Plakatwänden an der Invalidenstraße, am Weg zum Berliner Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof. Die Flick-Kontroverse lässt auch die lokale Kunstszene nicht kalt. Wie sollte sie auch - seit Frühjahr diesen Jahres beherrscht eine hoch emotionale Diskussion um Moral und Verantwortung des Enkels und Erben des als Kriegsverbrecher verurteilten NS-Rüstungsmagnaten Friedrich Flick die deutschen Feuilletons: Darf der 60-jährige Millionär und Wahlschweizer mit seinem belasteten Namen überhaupt so stolz in die Öffentlichkeit treten? (Flick: "Ich möchte der dunklen Seite meiner Familiengeschichte eine hellere hinzufügen.")
Warum hat "Mick" Flick nicht wie seine Geschwister in den Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds eingezahlt? (Flick gründete mit 10 Millionen Euro eine Stiftung gegen Rassismus.) Ist die zu den weltweit wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst zählende Flick Collection mit "Blutgeld" gekauft, wie es Salomon Korn, der stellvertretende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland beklagt? (Flick: "Die Enkel haben kein Blut mehr an den Händen.") Zentralrats-Präsident Paul Spiegel allerdings wollte die Ausstellung von jüdischer Seite her nie öffentlich kritisiert haben.
Anders als in Zürich jedenfalls, wo vor zwei Jahren Proteste den Bau eines Privatmuseums von Flick verhinderten, begann sich in Berlin erst Widerstand zu regen, nachdem die Verträge mit der Preußischen Kulturstiftung bereits seit Monaten unterschrieben waren. Für sieben Jahre können die Kuratoren des Museums für Gegenwart jetzt aus den 2500 Werken Flicks wählen. Die wechselnden Einblicke werden in der ehemaligen Speditionshalle des Hamburger Bahnhofs ausgestellt, die Flick um acht Millionen Euro umbauen ließ. Übrigens eine gelungen zurückhaltende Adaption des über 300 Meter langen Backsteinbaus, die dem Museum einen neuen Flügel schenkt - was auch darüber hinwegtrösten sollte, dass man die Betriebskosten selber zu tragen haben wird. Die verantwortlichen jungen Architekten sind auch in Wien keine unbekannten, "Kühn Malvezzi" gestalteten das neue Foyer des Akademietheaters.
Wie schaut sie also aus, diese so viel umrätselte Sammlung des immer in Schwarz gewandeten Herren mit dem schlohweißen Haar, der sich Mitte der 80er Jahre vom Jetset-Saulus zum Kunst-Paulus wandelte? Eine Zeichnung von Sigmar Polke war es, die den Geschäftsmann weg von Antiquitäten führte, hin zur zeitgenössischen Kunst, die etwas mit seinem Leben zu tun habe, wie Flick erklärt. Ein wenig Erkenntnishilfe dazu kam wohl von den einflussreichen Zürcher Galeristen Hauser & Wirth, die zu Flicks engen Beratern wurden. Kein Wunder also, dass sich Galerie-Programm und Sammlung in weiten Teilen überschneiden. Die ersten Parallelen finden sich schon beim Auftakt der Mega-Erstpräsentation, die sich bis Ende Jänner nicht nur auf die neuen Hallen beschränkt, sondern bis auf den Beuys-Saal das gesamte Museum Hamburger Bahnhof beansprucht.
Zu Beginn muss der "Schöpfungsmythos" stehen, da wird nicht gekleckert. Der Kalifornier Jason Rhoades bastelte, häufte, müllte fröhlich darauf los, so schaut er wohl aus, unser Versuch, das verlorene Paradies wiederzuerlangen. Dahinter stehen lebensgroß Adam und Eva mit monströsen Apfelköpfen und Genitalien, ein gelungener Witz von US-Westküsten-Altmeister Paul McCarthy, der für nebenan auch ein dunkles Western-Saloon-Sex-Paradies zimmerte. Vor den Schwingtüren lungert noch lässig ein Cowboy vor dem Sonnenuntergang, postergerecht fotografiert von Richard Prince.
In diesem martialischen Ton geht es erst einmal weiter. Immens teuer gehandelte Künstler beschäftigen sich mit Sex, Gewalt, Macht - Mike Kelley, Cindy Sherman, Raymond Pettibon, Jeff Wall und allen voran Bruce Nauman, von dem Flick eine beeindruckende Werkauswahl zusammen kaufen konnte - von blinkenden Neon-Objekten bis zu drei raumfüllenden Installationen samt Studien. Doch es kann auch sperrig (Nam June Paik) und selbst-ironisch werden, etwa wenn Fischli/Weiß Fragen auf die Wand zaubern, wie "Bin ich eine miese, stinkende Ratte?", "Wie schmücke ich mein Bäumchen?" oder sich in Martin Kippenbergers "Acht Bilder zum Nachdenken" der Zeigefinger als Eislutscher erhebt und geschrieben steht "Krieg böse". Die Halle teilt sich Kippenberger übrigens mit Franz West, von dem eine stattliche Anzahl von Pass-Stücken und Bänken vertreten ist.
Poetischer Höhepunkt aber ist der Raum von Pipilotti Rist mit einigen ihrer wichtigsten Installationen. Trotz hier aufkommender Frauen-Power wittert man manchmal leicht machoide Züge in Flicks Kaufverhalten, jedenfalls den Hang zur großen Geste. Das macht die Auswahl nicht weniger würdig, denn welches Museum ist schon gefeit vor dem Geschmack seines Direktors? Gerade für Gegenwartskunst aber ist dieses private Engagement heute wichtiger denn je. Die Ankaufsetats schrumpfen, die Preise steigen rasant. Wichtig sind beim so genannten "Sammlermuseum" neben möglichst gesicherter Qualität die Rahmenbedingungen zum Schutz der Institution. So könnte es für das Berliner Gegenwarts-Museum etwa problematisch werden, wenn Flick seine attraktive Kollektion nach sieben Jahren einfach wieder abzieht. Die Wurzeln fehlen. Warum auch sollte eine anscheinend von US-Künstlern dominierte Sammlung gerade in einem deutschen Museum zur Ruhe kommen? Es scheint wie die Fortsetzung der gerade zu Ende gegangenen Rekord-Ausstellung des MoMA in Berlin höchst erfolgreich, aber eben nur zu Gast.
Erstpräsentation bis 23. Jänner.