Kritik Ausstellung: Wespennest im White Cube

Kleine Ausstellung ganz groß: Mit "Para Sites" lässt das Museum moderner Kunst seine Räume infiltrieren - und genießt es sichtlich.

Sie haben sich eingenistet. Im grauen Mumok-Block. Im windigen MQ- Hof. Sie nehmen uns sogar mutwillig einen ganzen Parkplatz auf der Mariahilfer Straße weg. Sie sind da, die "Para Sites". Leicht war diese Infiltration der hehren Museumsräume und des öffentlichen Raumes von jungen Künstlern nicht, weiß Manuela Ammer. Es ist das Ausstellungs-Debüt der 26-jährigen Nachwuchs-Kuratorin. Und ihre Chance nutzte sie so gewitzt wie professionell.

Das dunkle unterste Geschoß des Hauses, die Factory, als wohlige Keimzelle verwendend, lassen neun Künstler(gruppen) ihre alternativen Räume und parasitären Systeme wachsen. Hier im abgrundtiefen Graben wurde gleich einmal zugeschlagen in der Schausammlung des Wiener Aktionismus, dieser patriarchalischen Kultstätte der österreichischen Nachkriegs-Kunstgeschichte.

Genüsslich besiedelten Carola Dertnig und Stefanie Seibold, stellvertretend für alle museal unterrepräsentierten Künstlerinnen, zwei der exklusiven Video-Kojen - ansonsten strictly for men - mit ihren Arbeiten. Die gewöhnlich hier laufenden Aktionisten-Filme wurden für die Zeit der "Para Sites" in die Mumok-Bibliothek mit ihren limitierten Öffnungszeiten ausgesiedelt.

Beschränkte Dauer hat auch der Dancefloor, den Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla mit unfixierter Kohle auf den Boden zeichneten. Eine andere Dimension tut sich da unter unseren Füßen auf. Man geht über, tritt auf die zurückgeworfenen Köpfe und beschwingten Glieder von tanzendem Jungvolk, das fotorealistisch und aus der Vogelperspektive unter der vermeintlich schützenden Plastikfolie abtanzt. Nach ein paar Dutzend Betretern wird die ephemere Kohlezeichnung zur grauen Suppe verschwommen sein.

An einem romantischen sozialen Gebilde basteln auch die Israeli "Gil & Moti", die sich jetzt, nach ihrer Heirat in Holland vor einigen Jahren, vorgenommen haben, sich zum Zweck der Völkerverbindung in einen arabischen Mann zu verlieben. Hauptquartier in Sachen Liebe ist zurzeit eben die Mumok-Factory, von wo aus die Internetforen nach willigen schwulen Arabern durchforstet werden, E-Mail-Kontakt aufgenommen wird und Porträts der Kandidaten aquarelliert werden. Für die Nacht ziehen "Gil & Moti" dann ums Eck in die Galerie "Layr:Wuestenhagen" in der Bellariastraße 6, wo sie sich seit einem Monat in Wien einquartierte haben.

Wohnlich eingerichtet haben sich auch schon Ward Shelley und Douglas Paulson. Die beiden New Yorker kolonisieren die Mumok-Schlucht, diesen ungenützten zentralen Schacht, mit einem riesigen Wespennest. Einblicke in den von Heimo Zobernigs "White Cube" baumelnden Kobel geben Web-Cams; die Bau-Fortschritte können übers Internet verfolgt werden - und auch mit den "Einheimischen" soll in Kontakt getreten werden, wurde angedroht.

Weiters können ein Stück Wüste besiedelt, mit einem Auto-Abdeckplanen-Gerüst Parkplätze okkupiert werden - und vor dem Mumok steht eine Art 3-D-Röntgenbild des hermetischen Museums-Blocks, die Anatomie eines Hauses mit Rohren, Lampen, Waschbecken von der Finnin Tea Mäkipää -, die übrigens als bisher einzige europäische Künstlerin für die Weltausstellung in Japan 2005 ein Projekt realisieren soll.

Bis auf eine Ausnahme, einem verkomplizierten Codierungs-Spiel mit den Mumok-Aufzügen, versammelt "Para Sites" starke, originelle Einzelpositionen, die sich intelligent und durchwegs unterhaltsam zu einem Ganzen fügen, ohne sich einem Über-Thema allzu demütig unterordnen zu müssen.

Bis 7. 11., Di.-So. 10-18 h, Do. 10-21 h.

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