Leo Schatzls "Autorotation" vertritt Österreich auf der 26. Biennale São Paulo, die am Samstag eröffnet wird.
Wer hat es nicht schon versucht, als Kind, oder als Erwachsener, heimlich auf dem Spielplatz: auf eine Schaukel setzen, kräftig eindrehen - und loslassen. Das Rotieren um die eigene Achse, die Wucht, der wilde Schwindel - keinen grundsätzlich anderen Effekt exportiert Österreich heuer zur 26. Biennale in S£o Paulo, die morgen, Samstag, eröffnet wird. Nur darf kein Mensch es wirbeln lassen, sondern wird ein VW-Käfer eingespannt, mit 200 Expander-Gummis in ein sechs Meter hohes Metall-Baukasten-Gerüst. Klingt schräg, ist es auch.
Die Frage, welche Auswirkungen Geschwindigkeit auf feste Körper hat, stellen sich seit zwei Jahren Leo Schatzl und seine beiden Künstler-Kollegen David Moises, Severin Hofmann. In mehreren Versuchen, etwa in der Secession, wurde bereits erprobt, was sich jetzt als vorläufiges Endprodukt bei der Biennale ausdrehen soll.
Das in Österreich entwickelte Projekt bekommt in Brasilien jedenfalls eine weitere Facette: Ursprünglich entschieden sich die Künstler für ihre Experimente wegen der symmetrischen, glockenartigen Bauweise für den Käfer, einst Statussymbol des Wirtschaftswunders. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde die Produktion aber nach Süd- und Mittelamerika ausgelagert, wo er aufgrund des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses bis heute als billiger Gebrauchsartikel beliebt ist. Über 5 Millionen Autos füllen täglich die Straßen von Brasiliens Industrie-Metropole. Allein in S£o Paulo beschäftigt der VW-Konzern mehr Arbeiter als in irgendeiner deutschen Stadt. "Fusca" nennt man hier den Kleinwagen liebevoll.
Diese kulturell-wirtschaftlichen Hintergründe mischen sich in "Autorotation" mit dem mechanischen Effekt und spielerischem Bubencharme. Seit den 80er Jahren beschäftigt sich der 1957 in Obernberg am Inn geborene Leo Schatzl mit gesellschaftlichen Randbereichen, hinterfragt das Regelsysteme und versucht, gern mittels pseudowissenschaftlichen technischen Experimenten, Sehgewohnheiten zu manipulieren. Wie seine beiden jüngeren, 1973 geborenen Kollegen Moises und Hofmann, mit denen er "Autorotation" entwickelte, besuchte Schatzl die Kunstuniversität Linz, wo er seit 1992 einen Lehrauftrag hat.
"Schatzl steht stellvertretend für eine Künstlergeneration, die dem traditionellen Künstlerbild skeptisch gegenübersteht", erklärt Österreichs Biennale-Kommissär Martin Sturm, Leiter des Linzer O.K-Centrums, seine Wahl. Nicht das Endprodukt zählt bei Schatzl, sondern der Prozess - und ein wenig Schalk ist auch immer dabei.
Eine ordentliche Portion schwarzer Humor kann in S£o Paulo jedenfalls nicht schaden, wenn hier am Samstag mitten in all der Armut der Elendsvierteln und Arbeitslosigkeit glanzvoll die Weltkunst-Großausstellung in Oscar Niemeyers 30.000 Quadratmeter großen Biennale-Halle eröffnet wird und der Tross von Sammlern, Kuratoren und Kunsthallen-Direktoren anreist. Ein sich regelmäßig wiederholender, wohl beispielloser "clash of cultures". S£o Paulo ist seit 1951 Biennalestadt - älter ist nur die Biennale Venedig. Das Motto heuer lautet "Freie Territorien", rund 150 Künstler aus 62 Ländern nehmen teil.
25. September bis 19. Dezember.