Ausstellung Khm: Zeitgeist in Zuckerdose

Das Kunsthistorische Museum frischt seine Tradition der Kunstkammer mit der Ausstellung "Wiener Silber - Modernes Design 1780-1918" auf.

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eit eineinhalb Jahren ist sie bereits geschlossen, die Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums. Die Wiedereröffnung plant Direktor Wilfried Seipel für 2007. Wer sich bis dahin nicht gedulden kann - die gestern, Montag, eröffnete Sonderausstellung "Wiener Silber - Modernes Design 1780-1918" nimmt die Tradition des Altmeister-Museums auf, auch kostbare Gebrauchsgegenstände zu präsentieren. In der "Neuen Galerie" in New York konnte die von Christian Witt-Döring gemeinsam mit Günther Stefan und Paul Asenbaum konzipierte Schau von Oktober 2003 bis Februar dieses Jahres 150.000 Besucher anlocken.

Ein beachtlicher Erfolg für eine historische Design-Ausstellung, die für viele in den USA lebende Nachkommen des aus Wien vertriebenen jüdischen Bürgertums auch ein Wiedersehen mit den Zuckerdosen, Blumenvasen und Kaffee-Services ihrer Kindheit mit sich brachte. Denn in dieser Gesellschaftsschicht fanden sich Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten Mäzene der Wiener Werkstätte, deren Objekte den wichtigsten Teil der Ausstellung ausmachen.

Ausgehend von der aufbrechenden Moderne in Wien um 1900 präsentierten die Kuratoren von "Wiener Silber" eine für die meisten wohl erstaunliche Entdeckung: Hoffmann, Kolo Moser und Kollegen bezogen sich in ihren Entwürfen stark auf die verblüffend zeitlosen Formen des Wiener Klassizismus und Biedermeiers. Mit über 200 Exponaten wird in sechs Kapiteln der Beweis dafür geführt und Wiens wesentlicher Beitrag zur Entwicklung des modernen Designs nachgezeichnet. Die "Wende", also die Trennung von Repräsentation und Funktion, wird drastisch an einem Generationenkonflikt klar gemacht, an der Gegenüberstellung von Maria Theresias prunkvollem Frühstücksservice - übrigens aus der KHM-Kunstkammer - und der schlichten Schokoladekanne ihres Sohnes, Josef II.

Im Licht der Aufklärung versuchten auch die Silberschmiede, ihre Entwürfe auf Wesentliches zu reduzieren, ab 1800 entstanden die eleganten Silhouetten des Klassizismus und Biedermeiers. Antike und geometrische Formen gaben die Inspiration, erstmals konnte der Konsument sich mündig fühlen - er konnte wählen, die gleiche Kanne etwa mit oder ohne Dekor kaufen. 100 Jahre später nahm die WW diese Ideen wieder auf. Die Enkel entdeckten sozusagen den von ihren Eltern verachteten Geschmack der Großeltern wieder, so wie heute die 1960er Jahre wieder aktuell werden.

Jedenfalls eine spannend lehrreiche und ungemein schöne Ausstellung, bei der einen die zeitliche Zuschreibung mancher Silber-Designs öfter verblüfft, als man vielleicht zugeben möchte.

Bis 20. 2., Di.-So. 10-18h, Do. 10-21 h.


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