Geldpolitik

Verzögert sich die Zinswende?

Die Lieferengpässe werden nicht Ausmaße wie während der Pandemie erreichen, sagt Ökonomin Karen Ward.
Die Lieferengpässe werden nicht Ausmaße wie während der Pandemie erreichen, sagt Ökonomin Karen Ward. Michèle Pauty
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Die Fed wie auch die EZB dämpfen Hoffnungen auf eine allzu rasche Zinssenkung. Ökonomin Karen Ward kann der aktuellen Entwicklung jedoch auch Positives abgewinnen.

Wien. Die Inflationsdaten vom Jänner sorgten für Nervosität unter Marktteilnehmern. In den USA legte die Teuerung um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert zu, stärker als erwartet. In der Eurozone hielt sich die Kerninflation mit 3,3 Prozent im Jänner hartnäckig hoch. Die Kennzahl misst die Teuerung ohne die schwankungsfreudigen Preisentwicklungen bei Energie, Nahrungsmitteln und Tabakwaren.

Dabei hatten zuvor sinkende Energiepreise für einen kräftigen Rückgang der Inflation gesorgt. Weshalb gerät dann die Entwicklung jetzt ins Stocken? Einer der Gründe sind die gestiegenen Löhne. Sie kurbeln aber den Konsum und folglich die Konjunktur an. Karen Ward, Chief Market Strategist EMEA bei JP Morgan Asset Management, kann der aktuellen Inflationsentwicklung deshalb auch Positives abgewinnen, wie sie im Gespräch mit der „Presse“ sagt.

Bleibt die Frage, wie es heuer weitergeht. Auf das Gesamtjahr gerechnet könnte die Inflation in den USA bei 2,5 bis drei Prozent liegen, sagt Ward. Die erste Zinssenkung in der Höhe von 0,25 Prozentpunkten erwartet sie Anfang des zweiten Halbjahres. In Europa sei die Lage ein wenig anders. Die Preise für Lebensmittel und Energie dürften hier noch weiter sinken. Die Inflation könnte bereits im zweiten Halbjahr auf zwei Prozent zusteuern, meint Ward. „Zudem ist die Konjunkturentwicklung schwächer als in den USA.“ Die erste Zinssenkung in der Eurozone erwartet die Expertin daher bereits im Juni.

Geopolitische Spannungen

Freilich, ein Unsicherheitsfaktor bleiben geopolitische Spannungen. So spitzt sich im Suezkanal die Lage aufgrund der Houthi-Angriffe auf westliche Handelsschiffe zu. Das Gros der Reedereien wählt inzwischen die kostspieligere Route rund um das südliche Afrika, um Güter von Asien nach Europa zu transportieren.

Ward rechnet dennoch nicht mit größeren Engpässen bei den Lieferketten, wie es sie während der Pandemie gab. „Es handelt sich um eine zahlreicher globaler Handelsrouten.“ Ein gewisser Kostendruck könne bei Exportwaren nach Europa dennoch entstehen, falls die Blockade länger andauert.

In China wiederum setzt die Regierung auf Maßnahmen zur Konjunkturbelebung, die Anstrengungen könnten allmählich fruchten. „Und dann würde die Nachfrage nach Industriemetallen und Energie steigen, somit auch deren Preise.“ Das würde letztendlich den Inflationsdruck weltweit erhöhen.

Alles in allem rät Ward deshalb zu einem soliden Finanzpolster innerhalb eines breit gestreuten Portfolios. Angesichts höherer Zinsen eignen sich dafür nun auch stabile Emittenten von Staats- und Unternehmenspapieren. So rentierten zehnjährige deutsche Bundesanleihen zuletzt bei rund 2,44 Prozent. Noch im Frühjahr 2019 waren deren Renditen ins Minus gerutscht. Grund war die historische Tiefzinspolitik der EZB, zu der auch der Aufkauf großer Mengen von Anleihen zählte.

Europäische Aktien günstiger

Aber auch Staatsanleihen aus der europäischen Peripherie, etwa aus Italien, sollten Anleger beimischen, meint Ward. Die hohe Verschuldung des Landes will sie nicht überbewerten: „In Krisenzeiten hat die Eurozone stets ihren Zusammenhalt bewiesen und entsprechend Stützungsmaßnahmen gesetzt.“ Wer sich das Währungsrisiko zutraue, könne japanische und US-Staatspapiere beimischen.

An den Aktienmärkten räumt Ward zudem europäischen Titeln Aufholpotenzial ein und verweist unter anderem auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Die Kennzahl liegt beim MSCI Europe bei rund 13. Demgegenüber ist der S&P 500 mit einem KGV von knapp mehr als 20 ein gutes Stück teurer – übrigens auch im historischen Vergleich. Grund dafür sind freilich die fulminanten Kurszuwächse bei einigen US-Technologiewerten, die künstliche Intelligenz (KI) integrieren. Dabei würden auch europäische Firmen zunehmend KI in ihren Geschäftsmodellen einsetzen, was jedoch von vielen Marktteilnehmern derzeit offenbar nicht realisiert werde, moniert die Anlagestrategin.

Und wie sieht es mit den Schwellenländern aus? Ward sieht etwa Chancen in Asien. Abseits von China gebe es zahlreiche aufstrebende Märkte, deren Potenzial nicht wahrgenommen werde. Wie bei allen Investments sind aber auch hier Verluste möglich.

Zur Person

Karen Ward ist seit 2017 Chief Market Strategist für EMEA bei JP Morgan Asset Management. EMEA steht für Europa, Naher Osten und Afrika. Zuvor war Ward unter anderem Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater für das UK-Finanzministerium. Ihre Karriere begann die Ökonomin 2004 bei der Bank of England. Ward hat einen Masterabschluss in Volkswirtschaft.

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