Kritik Ausstellung: In unserer Szene sind wir Stars!

Im Wiener Künstlerhaus analysieren Künstlerinnen das "Prinzip Star" - mehr oder weniger glaubhaft.

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arum gerade jetzt eine Ausstel lung über Stars in Wien? Selten war das Wort so inflationär, sel ten ging es einem so auf die Nerven, selten war es so unglaubwürdig. Gehätschelte Eintagsfliegen überall - ob in Musik, bildender Kunst, Literatur. Trotzdem hat Kuratorin Ursula Maria Probst ganze 50 Künstlerinnen aus bildender Kunst, alternativer Musikszene und Spaßfraktion - was die österreichische Popkultur wohl erst ausmacht - um ihren Kommentar zum Star-System gebeten. Diese Mischung aus Dokumentation, Malerei, Video, Installation füllt das Obergeschoß des Künstlerhauses mit einer ziemlich lustigen Ausstellung, die in ihrer Qualität auch ziemlich schwankt.

Macht nichts. Wenn nur ein wenig mehr Information außer Namen und Titel die oft insiderischen Referenzen erklären würde. Wenn man also weiß, wer die "Au Pairs" sind, und dass diese New-Wave-Band eine der ersten lesbischen Frontfrauen hatte und diese von einem vorgetäuschten Orgasmus sang, dann gewinnt Ursula Mayers Installation an Tiefe. Sonst bleibt sie eine, immerhin ziemlich attraktive, verspiegelte Box, in der sich per Video abwechselnd drei Sängerinnen in futuristischen Overalls mehr oder weniger sexy produzieren.

Die Szene setzt sich hier etwas zu oft mit der Szene auseinander, was schwierig ist, da es heute so viele Szenen gibt. Eine in Österreich aber durchaus etablierte Aus- und Abgrenzungsmethode - und insofern ein gelungener Beitrag zu den von der Ausstellung versprochenen "Gegenentwürfen zum Mainstream". Solange das Ergebnis auch ästhetisch überzeugt, ist diese Taktik ja okay. Anstrengend wird's bei selbstreferenziellen Bastel-Ecken wie der Fun-Formation "Schwestern Brüll", die mit Home-Videos und viel Schrift ihre "parasitären Strategien", mit denen sie zu Wiener Sub-Szene-Stars wurden, Revue passieren lassen.

Durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Österreichs zurzeit einzigem aktuellen Star-Phänomen - Christina Stürmer und Retorten - will sich in der Alternativ-Szene anscheinend niemand die zynische Show stehlen lassen. Da schwebt frau lieber auf der Retro-Welle, die bietet weniger Angriffsfläche. Wie auch immer.

Schön sind Constanze Schweigers strenge Gruppenfotos, die weibliche DJs in ihrem sozialen Netzwerk zeigen. Das nachdenkliche, rauchende Mädchen im Caféhaus von der 23-jährigen Jungmalerin Bianca Regl. Die vergänglich-skizzenhaft festgehaltenen verwüsteten Partyräume von Rita Vitorelli. Das Foto der an Fleischhaken hängenden Mädchen-Band (Chilo Eribenne). Und doch saugt der einzig echte Weltstar der Ausstellung alles in nur wenigen Sekunden auf. Ein kurzer Video-Loop von Katarina Matiasek und US-Komponisten Scanner führt aus dem Dunkel eines Rachens hinaus durch einen aufgerissenen Mund, bis man auf das strahlende Gesicht der Maria Callas blickt, das sich nach einer ihrer Gratwanderungen zwischen extremem Erfolg und extremem Versagen glücklich entspannt. Die professionelle, präzise, reife Studie eines Stars, der noch ernst genommen wurde.

Bis 15. 8., Di.-So. 10-18 h, Do. 10-21 h.

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