Ausstellung Graz: An der Wand, die Schleife entlang

Das Grazer Kunsthaus testet seine problematischen Räume und holte dazu Konzept-Urgestein Sol LeWitt und eine Lochkamera-Virtuosin.

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er erste Schock im dusteren Bauch des Grazer Aliens zur Eröffnung 2003 ist verdaut. Nachdem die Start-Ausstellung von der dominanten Architektur regelrecht verschlungen worden war, hat man sich jetzt mit zwei soliden Einzelausstellungen gefangen. Der Eintritt in die "Normalität des Ausstellungsbetriebs" also, so Joanneum-Intendant und Kunsthaus-Chef Peter Pakesch.

Immerhin konnte er mit Sol LeWitt einen Dinosaurier der amerikanischen Concept- und Minimal-Art in die Ex-Kulturhauptstadt holen und ihr so ein Spätwerk des 75-Jährigen sichern, ein monumentales noch dazu. Denn aus einer simplen, 2003 aus dem Kunsthaus-Fax geratterten schwungvollen Linie erstand eine 140 Tonnen schwere, 70 Meter lange, vier Meter hohe Mauer aus Leichtbeton-Blöcken. Porös und staubtrocken windet sich diese weiße "Wall" jetzt durch das obere Ausstellungsgeschoß. Wie ein Bandwurm im Alien-Magen, der resistent dem aufdringlichen Innendesign standhält. Zwar strahlen die Neonröhren in den Rüsseln der Decke wie Heizspiralen auf den parasitären Schlingel, hüllen ihn in ihr verfälschtes, leicht rosa Licht. Aber der gute alte Ytong-Ziegel siegt über verspieltes Hightech. Die Siebziger leben noch!

Die Grazer "Wall" ist aber auch nur ein anderer "brick" im Lebenswerk von Sol LeWitt. Wände lässt er schon seit den Achtzigern nach seinen Konzepten bauen, allerdings noch nie in derart unregelmäßiger Form wie in Graz. Sonst verharrt der Altmeister lieber im Geometrischen, ein Wiederholungstäter in jeder Hinsicht: Seine Strategie ist die unendliche Variation von Formen und Farben, die Raum definieren, strukturieren sollen. Bis zur Redundanz reizt er diese Modularität aus, was vor allem in der Zusammenschau, etwa bei der Retrospektive in New York 2000, zu Kritiker-Hilferufen führte: Muss er uns so langweilen?

Ein Vorwurf, den sich LeWitt schon zu entkräften bemüßigt fühlte. Das allein ist schon sehr verdächtig! Schuld daran sei nur die von den abstrakten Expressionisten konditionierte Erwartung eines emotionalen Kicks, meint er. Diesen beschert wenigstens konsequent auch seine Grazer Wand nicht, aber als begehbares Einzelobjekt ist ihr ein Erlebnischarakter nicht abzusprechen. Nett gleitet man an der eleganten Wandschleife entlang, unbelastet von gröberen Inhalten, ein harmloses Vergnügen, aber - ein echter LeWitt. Nach Ausstellungsende soll das Mauerband im Außenraum erhalten bleiben, wo, ist noch unklar.

Um den Raum an sich dreht sich auch alles bei der in Deutschland geborenen und in New York lebenden Foto-Künstlerin Vera Lutter, die das erste Geschoß bespielen darf. Pakesch zeigte ihre Arbeiten schon in kleinerer Form 2001 in der Kunsthalle Basel. Der Ausstellungstitel "Inside In" trifft das doppelte Innen-Spiel der Mitvierzigerin gut, sitzt sie doch des öfteren in dunklen Kobeln in Hallen und Studios. Ihr System ist das der ersten Kamera, Camera obscura oder Lochkamera genannt. Durch ein stecknadelkopfgroßes Loch in der Wand wird das Abbild ohne Linse auf die mit Fotopapier beschlagene Rückwand geworfen.

Das Ergebnis sind negative, schwarzweiße und seitenverkehrte Ansichten von Fabrikshallen, Studio-Situationen, aber auch Industriegebieten, Stadtlandschaften, oder gar dem Grazer Kunsthaus. Und all diese Bilder durchweht etwas seltsam Mystisches, statisch und doch wieder vergänglich. Der Trick ist ein alter: Durch Überbelichtung, die bei Lutter zwischen drei Stunden und drei Monaten dauern kann, werden schnelle Bewegungen nicht wahrgenommen - die Fotos sind menschenleer. Langsame dagegen erscheinen transparent, schleierhaft - was wiederum gespenstisch wirkt.

Vera Lutters Fotografie ist nicht aufregend, aber kontinuierlich qualitätvoll und hat zur erfrischenden Abwechslung nichts mit der überklaren Ästhetik der omnipräsenten deutschen Becher-Schüler Gursky, Struth und Co. zu tun. Sie bedürfen deswegen aber auch noch lange nicht gleich derart verschwurbelten Kunstsprech wie im Pressetext, wo eine Foto-Serie tatsächlich in "konzeptuellen Diskurs als Teil eines intertextuellen Spiels" treten muss.

Bis 2. Mai. Di.-So 10-18h. Do. 10-20h.

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