Kritik Ausstellung: Begegnung im Hasenfell

Entdeckungsreise ohne Risiko: Kunst aus den zehn neuen EU-Ländern macht im Wiener Künstlerhaus Station.

Nach dem grassierenden Balkan-Fever im vergangenen Jahr wur den heuer in Europas Kulturzentren die zehn neuen EU-Länder kulturell abgefeiert. Die Schweizer Pro Helvetia setzte sofort einen derartigen Schwerpunkt, in Leipzig wird von 9. bis 14. November die Theaterszene der "Neuen" bei "euro-scene" vorgestellt und die österreichische Bundesregierung setzte etwas unglücklich auf Beitritts-Kunst am Bahnhof.

Es war eine denkwürdige erste Begegnung am Wiener Ostbahnhof, am Abstellgleis, in einem ausrangierten Wagon. Hier prangten Ivan Kafkas mit Künstler-Odem gefüllte "Böhmische Tüten" noch in den tschechischen Nationalfarben. Im Wiener Künstlerhaus darf man die "Tüten" endlich Plastiksackerln nennen - sie reihen sich, lustig lasch aufgeblasen, zum rotweißroten Flaggen-Muster. Flexible Konzeptkunst eines Prager Konzeptmeisters. Versatzstück einer neuen Version der Dutzenden Beitritts-Ausstellungen, diesmal unter dem durchsichtigen Decknamen "The new Ten".

Eine der üblichen wilden Mischungen von Ländern, Kunstrichtungen, von jung und arriviert, aber immerhin, bis auf zwei Malerei-Ausrutscher, ästhetisch fast durchwegs genießbar, ja sogar richtig zu genießen. Schließlich stehen für diese Wanderausstellung in Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim, dem Museum Küppersmühle und dem Moderne-Museum Oostende auch ganze drei Kuratoren gerade: der in Wien wohlbekannte Ex-Mumok-Chef L³r¡nd Hegyi, Evelyn Weiss, einst Stellvertretende Direktorin der Sammlung Ludwig Köln und die Leiterin des Soros-Centers in Vilnius, Raminta Jurenaite. 20 Künstler hat dieses Trio aus zehn Ländern ausgewählt, wobei jeder, der hier auf spezifisch regionale oder traditionelle Wurzeln hofft, enttäuscht werden wird. Derartiges scheint heute endgültig ins Reich der Folklore verbannt oder wird gerade noch vom ostdeutschen Maler Neo Rauch kalkuliert eingesetzt. Die Strategien von international arbeitenden Künstlern müssen international eben auch lesbar sein. Und vielleicht wird gerade in den geografischen Randgebieten der Kunstwelt besonders darauf geachtet.

So könnten die statischen Partygesellschaften der ungarischen Malerin gnes Sz©pfalvi in Pest wie in Manhattan tagen, die überdimensionalen Plastik-Schlaf-Taschen mit aufgeklebten Fliegen von Katerina Vincourov¡ in Prag wie auf der Art Basel abgestellt werden. Und auf die geniale pseudo-wissenschaftliche Idee, Pflanzen mit Menschen symbiotisch verschmelzen zu lassen, hätte der Ungar Antal Lakner auch in Tokio kommen können. Also lassen wir die Nationalitäten beiseite - und das werden in Zukunft hoffentlich auch wieder die Ausstellungsmacher tun. Sie sollten ihre Wahrnehmung endlich im Allgemeinen erweitern, nicht nur für spezifische Veranstaltungen.

Die estnische Videokünstlerin Ene-Liis Semper mischt sowieso schon im internationalen Kunstbetrieb mit. Ihr wundervolles, tragikkomisches Video ist Höhepunkt der Ausstellung: Im drolligen Hasenkostüm strampelnd, um sich schlagend, schatten-kämpfend und resignierend, verarbeitet sie die Kränkung durch ihren Mann, der ihr gerade den Ehebruch gebeichtet hat.

Bis 2. Jänner, Di.-So. 10-18 h, Do. 10-21 h.

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