Ausstellung Albertina: Zwei Pole auf Kollisionskurs

Pop Art und Minimalismus? Die Albertina lässt die beiden scheinbaren Gegensätze in einer eleganten Ausstellung einmütig schwingen.

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in echter ästhetischer Seelen- Schmeichler: eine Serie weiß-beiger Aquatintaradierungen von Robert Ryman - das Ätzverfahren ist eine der malerischsten Tiefdrucktechniken - teilt sich, und gibt den Blick frei in den nächsten Raum, auf Richard Serras mächtiges, zweieinhalb Meter hohes, schwarzes Parallelogramm. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder schwelgt in der neuen, von ihm zusammengestellten Ausstellung in der unteren Halle seines Hauses elegant in geschickt inszenierten Durchblicken und Konfrontationen.

Und letztere sind gewaltig: Sollen in der großzügig gehängten Ausstellung doch die Gemeinsamkeiten der so widersprüchlichen Kunstrichtungen Pop und Minimal Art erklärt werden. Dazu bittet Schröder praktisch alle Superstars dieser im Amerika der sechziger und siebziger Jahre florierenden Bewegungen in den White Cube. Robert Rauschenberg, Sol LeWitt - der im Grazer Kunsthaus zur Zeit eines seiner Mauer-Konzepte verwirklichen kann, Jasper Johns, Sigmar Polke. Ein Wunder eigentlich, dass die Ausstellung nicht mit Name-Dropping wirbt - etwa "Von Warhol bis Serra". Nein: Im Untertitel heißt es gar "The Serial Attitude". Übrigens ein Zitat aus einem Artikel von Künstler, Kritiker, Kurator Mel Bochner, der 1967 die expressive Kunst tot sagte und das planmäßige, rationale Schaffen propagierte, etwa durch industrielle Serienproduktion.

Diese verbindet wohl am stärksten Pop und Minimal, wie Schröder im ersten großen Raum eindrücklich zeigt: Hier treffen Warhols Farbsiebdrucke von Mao-Tse-Tung aus 1972, eine schwarzweiße Siebdruckserie von Chuck Close, die immer wieder das Porträt von Künstlerkollegen Alex Katz aneinanderreiht, auf die streng geometrischen Formen in Donald Judds Holzschnitten. Hier überrascht allerdings auch eine Harmonie der Farben. Judds simples Orange, Gelb, Rot kann es mit Warhols Grellheit locker aufnehmen. Überhaupt wird durch die inspirierende Kombination der beiden Stile vor allem der Konsum der minimalistischen Blätter attraktiver. Während es hier um die reine, reduzierte Form geht, die jeglichen Inhalt fast panisch meidet, will die Pop Art uns mit unserem eigenen, massenmedialen Alltag überfluten, ja zumüllen. Fotos, Zeitungsausschnitte, Comics-Zitate werden collagiert, aufgebläht, potenziert, eine Ikonografie des Kommerzes formuliert.

Um die Pole zu klären, beginnt Schröder die Ausstellung gleich mit zwei typischen Roy Liechtensteins - ein schöner Anschluss an die Retrospektive im Kunstforum - und dem berühmten Brust-Porträt von Tom Wesselmann. Krasses Gegenstück dazu sind die fast filigranen Siebdrucke von Agnes Martin, "On a Clear Day", 1973, in der sich die Minimal-Künstlerin geometrisch austobt: 30 Mal wird ein einfaches Raster-Muster variiert - eine Kunst für sich, die auch frösteln macht.

Denn seltsam massiv drängt sich in der Ausstellung eine kühle Distanz der Werke ins Bewusstsein: Denn aus Protest gegen Geniekult und abstraktem Expressionismus, der die New Yorker Szene seit den späten 40er Jahren dominierte und theoretisch mit Inspiration, Vision und Intuition beworben wurde, scheuen sowohl Pop wie auch Minimal Art diese subjektive Handschrift. Nichts darf hier unkontrolliert oder gar unbewusst geschehen.

Fast störend fallen aus diesem Zusammenhang zwei Kartons mit Vorzeichnungen von Neo-Popper Alex Katz heraus. Plötzlich wird hier mit Kohle rau skizziert, gekritzelt, ausgebessert. Wer die aalglatten Tafelbilder von Katz kennt, die anhand dieser gezeichneten und ausgestanzten Schablonen entstehen, wird die irritierende Differenz kaum glauben können! Eine subtile Unterwanderung des Systems.

Ein richtig ornamentaler "Ausrutscher" ist in der Ausstellung auch von Großmeister Sol LeWitt dokumentiert. In vier Farbprägedrucken löst sich ein "W" - es steht hier wohl für Welle - in unregelmäßige Schwingungen auf. Richtig poppig, wie eine abstrahierende Nahaufnahme eines Zahnpasta-Wulstes von Roy Liechtenstein.

Zwei Wochen vor Eröffnung der großen Rembrandt-Schau, wo Schröder die Grafik wieder mit geliehenen Gemälden aus aller Welt zur Gesamtschau aufmotzt, kann die Albertina mit "Pop Art und Minimalismus" eine klare, intelligente Ausstellung bieten - noch dazu zur Gänze aus den hauseigenen Beständen bestückt. Modern und ultra-ästhetisch, aber trotzdem in der Tradition eines Hauses stehend, das den Beinamen "Grafische Sammlung" einmal stolz im Titel tragen durfte.

Bis 29. August. Täglich 10-18 Uhr, Mi. 10-21 Uhr.

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