Ausstellung Albertina: Künstlerkönig und Menschenfeind

Die Sommerausstellung der Albertina ist in Wien angelangt und zeigt Michelangelos (1475-1564) Einfluss.

K
aum glaubt man es: eine reine Gra fik-Ausstellung in der zentralen Saal-Flucht der Albertina! Für einen Sommer lang könnte wieder der einstige Untertitel "Grafische Sammlung" ins Logo eingefügt werden. Direktor Klaus Albrecht Schröder ist bekannt dafür, seine Ausstellungen mit Gemälden zu ergänzen, was ihm immer wieder Kritik einbringt. Das Publikum scheint diese Vergleichsmöglichkeiten aber zu schätzen, wie die Zahlen zeigen. Nach Rembrandt und vor Rubens im Herbst, zieht nun Gigant Michelangelo ein. Dieser stellte Schröder vor keine Wahl: Das einzig erhaltene, vollendete Tafelbild des Renaissance-Meisters, das "Tondo Doni", wird in den Uffizien eifersüchtig gehütet.

Aus Italien reist auch diese allein aus den Beständen der Albertina bestückte Sommerausstellung an, wo sie bis Mai in der Peggy Guggenheim Collection Venedig zu Gast war. Im November geht es dann weiter ins Guggenheim Bilbao und 2005 in die Royal Academy, London. Alle acht, heute als Original anerkannten Michelangelo-Blätter der Albertina - auf denen sich inklusive Rückseiten insgesamt 13 Zeichnungen finden - werden aber gemeinsam nur in Wien zu sehen sein. Obwohl sich dieser Bestand nicht mit denen der Casa Buonarroti in Florenz, dem Louvre oder dem British Museum messen kann, sind es großteils doch besonders schöne, geschlossene Aktstudien, nicht etwa Architektur-Skizzen.

Vier davon waren einst im Besitz von Rubens - womit wir schon mitten im Thema der Ausstellung, Michelangelos Einfluss auf die Kunst seiner Zeit, wären. Und dieser muss, wie seine Figuren selbst, gewaltig gewesen sein. Die Mischung aus exaktem anatomischem Studium und dem Streben nach den Idealen der Antike beeindruckte seine Auftraggeber, Kollegen wie auch seine schärfsten Konkurrenten - den älteren Leonardo da Vinci (1452-1519) und den jüngeren Raffael (1483-1520). Beide überlebte Michelangelo um fast ein Vierteljahrhundert. Von Leonardo aber wurde der in Florenz von den Medici als Wunderkind gehätschelte Jungstar selbst beeinflusst - obwohl er die Malerei im Allgemeinen als "weibisches Gepinsel" verachtete. Vielleicht war es die Begegnung mit dem in Florenz ausgestellten Karton von Leonardos Hl. Anna Selbdritt, dass Michelangelos hart schraffierender, früher Zeichenstil weicher wurde, kontrastreicher und mit Weißhöhungen, wie Leonardo sie verwendete, auch plastischer.

1504 traten die beiden mit den Entwürfen für zwei Schlachtenbilder für den Palazzo Vecchio in direkten Wettstreit. Beide kamen sie über die Entwurfs-Kartons nicht hinaus. Trotzdem pilgerten Künstler aus ganz Italien nach Florenz, um diese zu sehen. Darunter auch Raffael, der Michelangelo 1508 nach Rom folgte und ihn, gefördert von Michelangelos Neider, dem päpstlichen Baumeister Bramante, vom Rang des ersten Künstlers im Vatikan verdrängte und Roms Kunstszene zu dominieren begann.

So dominieren auch in der Albertina Zeichnungen von Raffael und seinen Schülern, an denen der Einfluss Michelangelos abzulesen ist. Ein friedliches Nebeneinander? Die jüngste, 2003 erschienene Michelangelo-Monografie der Wiener Kunsthistorikerin Georgia Illetschko bringt ordentlich Farbe in diese elegant gehängte Abfolge von 100 Blättern: Denn noch Jahre nach Raffaels frühem Tod soll Michelangelo über ihn und Bramante geklagt haben: "Sie suchten, mich zu verderben; und Raffael hatte wirklich Grund dazu; denn, was er von der Kunst verstand, das hatte er von mir."

In der Ausstellung sind aber auch die Unterschiede zwischen den beiden Konkurrenten zu entdecken: Während Michelangelos Figuren, wie ihr Schöpfer selbst, monumentale Einzelgänger bleiben, beginnen die muskulösen, bewegten Körper bei Raffael, gewandt zu kommunizieren. Im Gegensatz zu dem sich misanthropisch inszenierenden Florentiner betrieb der umgängliche Urbinate auch eine blühende Werkstätte. Seine Schüler waren es, die die Ideale beider Meister verknüpften und in ganz Italien verbreiteten. Bis hin nach Frankreich, wo Michelangelos Freund Rosso Fiorentino die Schule von Fontainebleau begründete.

Ausstellung Albertina: Bis 26. Oktober, täglich 10-18 Uhr, Mittwoch 10-21 Uhr.

"Ich Michelangelo" von Georgia Illetschko, Prestel Verlag, 2003.

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