Kunstmarkt: "Wie viel Zeit ist wie viel Geld?"

In Salzburg präsentiert sich Festspiel-Sponsor Siemens auch als Kunstsammler. Über 500 Werke junger Künstler wurden angekauft.

Auch heuer schleicht sich mit einer Großbild-Leinwand am Salzburger Residenzplatz wieder eine Art Demokratisierung in das exklusive Festival ein. Teils aktuelle, teils alte Aufführungen können hier kostenlos in kulinarischer Atmosphäre genossen werden. Salzburger-Festspiele-Sponsor Siemens lässt sich dieses Freiluft-Event 100.000 Euro kosten, der passende Marketing-Spruch dazu lautet "Barrieren abbauen". Wer auch die baustellenbedingte Barriere in die benachbarte Max-Gandolf-Bibliothek überwunden hat, lernt sozusagen über die Hintertür ein weiteres kulturelles Engagement des Elektronik-Konzerns neben Musik, Theater, Literatur kennen.

Von Salzburg aus startet die zweite Staffel der Ausstellung "Central" eine zweijährige Tournee gen Osten, erst nach Graz, dann nach Bukarest, Zagreb, Sarajewo. Gemeinsam mit der BA-CA stellt die Gruppenschau je drei junge, bis 35 Jahre alte Künstler aus Österreich, Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Serbien und Montenegro, Bosnien und Herzegowina vor. Alles Länder natürlich, in denen sich das Unternehmen auch wirtschaftlich engagiert. Die unbeschwerte bunte, meist gegenständliche Malerei, Fotografie, Installation in "Central" spiegelt gut den Trend der internationalen Entwicklung wieder. Die Beschäftigung mit Krieg, Politik, Armut scheint von einer globalisierten "Happy"-Einheitssprache abgelöst worden zu sein.

Die meisten der Werke gehören bereits der BA-CA und Siemens. Während der internationale Mutterkonzern seine auf knapp drei Millionen Euro geschätzte Kollektion zeitgenössischer Fotografie 2003 der Pinakothek der Moderne in München als unbefristete Leihgabe übergab, investiert und unterstützt die Österreich-Tochter seit acht Jahren in junge Kunst aus Österreich und Südosteuropa. "Früher haben wir zu Weihnachten Grafiken von Kumpf oder Korab verschenkt", erinnert sich Siemens-Sprecher Peter Baumgartner. Als einmal die Studenten der Meisterklasse Attersee für Siemens einen Kalender gestalten durften, habe man dann umgedacht. Nicht das übliche Sponsoring aber sollte einsetzen, sondern Nachwuchs-Künstlern ein Markt eröffnet werden.

Aus dem Internet in die Dorotheergasse

Als Partner wurde Galerist Ernst Hilger gefunden, 1996 im Internet das "Art-Lab" gestartet, eine virtuelle Galerie, die sich 1999 in der Wiener Dorotheergasse 12 materialisierte. Hier werden Ausstellungen organisiert, aus denen Siemens auch regelmäßig seine Bestände auffrischt. Von einem Kultur-Budget von "weit über einer Million Euro", so Baumgartner, "fließen 20 Prozent in die bildende Kunst, das heißt ins Art-Lab". 500 Werke konnten mittlerweile angekauft werden. Eine eigens angestellte Kunsthistorikerin betreut die Sammlung, die wie eine Artothek für die Mitarbeiter funktionieren soll.

Funktionieren? Lokalaugenschein in Wien Floridsdorf, Siemens-Zentrale. Und wirklich, die Kantine beschattet ein Sonnenschutz von Hannah Stippl, in den Büros, zwischen Kalendern und Flip-Charts hängen Originale von Sebastian Weissenbacher und Nikolaus Moser - am beliebtesten scheinen die Sprüche von Andreas Leikauf zu sein: "Wie viel Zeit ist wie viel Geld?" Anregungen für das neue Arbeitszeitmodell von Siemens vielleicht? Wie auch immer. Und was hängt im Büro von Generaldirektor Albert Hochleitner? Ein abstrakt-verschwommenes Großformat der 1960 in Meran geborenen Oberhuber-Schülerin Heidrun Widmoser.

Dass es trotz allem immer wieder interne Diskussionen gibt, streitet Baumgartner aber nicht ab. "Hin und wieder ruft ein wütender Vertreter der dekorativen Fraktion an, der glaubt, dass Kunst nur schön sein muss. Meine Standard-Antwort ist: Sehen Sie, was Kunst noch alles kann? Sie hat Ihren Puls gerade auf 180 gebracht."

"Central": Bis 31. August, Kapitelgasse 5, Salzburg, täglich 11-19 Uhr.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.