Künstlerhaus: Der 24. Bezirk heißt Karlsplatz

"Niemandsland" im Wiener Künstlerhaus: eine kluge Ausstellung von Kunst über den - nicht: im - öffentlichen Raum. Eine Begehung.

Ungestaltet, unbeaufsichtigt, ungegossen. Unbebaut. Nicht in Verwendung. Am Gaudenzdorfer Gürtel, dort, wo Wienfluss und Gürtel einander gerade erst geschnitten und die sportlichen Autos die Spur gewechselt haben, liegt ein Stück Land, das man Wiese, sicher nicht Rasen nennen kann. Für eine G'stätt'n ist es zu wenig abenteuerlich. Die Gruppe BMW Architekten und Partner hat ein Stück, vielleicht drei mal drei Meter, mit allen Wurzeln ausgestochen, in einer Aktion   la Greenpeace, mit gehisstem Transparent: "Rettet das Niemandsland".

Nun steht - liegt? - das Stück bewachsene Erde im ersten Stock des Künstlerhauses und lässt sich ansehen. Ansehnlich ist es nicht geworden: Nackte Erde lugt hervor wie eine Glatze im Anfangsstadium, ein Stück Plastikpflanze liegt zwischen Gras und (Un-)Kraut, eine Vogelfeder (die von Kunstbetrachter Jan Tabor stammen soll), ein Zwei-Cent-Stück unbekannten Besitzes.

Und wem gehört das Land? Der Stadt Wien? Der so genannten Allgemeinheit? Den Künstlern? Dem Künstlerhaus? Niemandem? War die Ausgrabung eine Aneignung? Eine Privatisierung gar? Unverblümt auf Deutsch übersetzt: ein Raub?

Man wird das Gras nun gießen müssen, wissen die Künstler: Sie haben, würden Öko-Pathetiker wohl sagen, Verantwortung übernommen, vielleicht auch für die Regenwürmer in der Erde darunter, die jetzt Teil einer Ausstellung sind.

Ein Zimmer weiter zeigt Barbara Holub "zwischen rollen": frisch ausgerollten Rasen, umzäunt, darin eine unverputzte Ziegelwand, darauf ein Bildschirm, auf dem man zwei Menschen auf Gartensesseln sieht, die über Gärten sprechen, zwischen Zäunen. Hier ist klar, wem die Wiese (ohne Glatze und Feder!) gehört: kein Niemandsland, betreten verboten. Stillleben von kleinen, harmlosen Landnahmen. "This Schrebergarten is my Schrebergarten."

Simple, bedenkliche, kluge Land-Kunst. Zur Welt-Kunst aufgehoben in Markus Wilflings "Does Not Really Exist": Zwei Bilder einer Weltkugel - so real wie Ren© Magrittes Pfeife - auf metallischem Blau, in unterschiedlicher Höhe, genügen, unterstützt durch Lichtspiegelung, die Dreidimensionalität vorgaukelt, um einen Fallversuch zu suggerieren. Im Vakuum natürlich, sonst reibt es sich. Streng nach Newton.

An die populäre Illustration der Einsteinschen Gravitationstheorie erinnert dagegen "Zeit.Punkt" von heri & salli: Sie haben ein verunglücktes Auto auf ein Schwarz-weiß-Gitter gestellt; dieses, schlicht durch Klebebänder materialisiert, ist auf dem Wrack fortgesetzt - verdrillt, verbogen, als ob das schwere Auto das Koordinatensystem krümmen könnte. Steht hier die Zeit? Ist dieses Zimmer ein Niemandsland, weil das Wrack nicht abtransportiert wird? Wohl das nachdenklichste von allen bisher im Museum geparkten Autowracks.

Raum kann schmal und knapp werden, wie das bewachte Niemandsland zwischen Staaten: So drückt man sich in "NachIhnen" von Span zwischen zwei Wänden durch: Die eine, glatte trägt ein längst - auch durch eine Operninszenierung - zum geläufigen Motiv avancierte Unterwäsche-Werbung, die andere ist selbst kurvig, aber körperlos.

Die wohl merkwürdigste Wand haben Look@us2 aufgestellt: eine "Niemandswand" mit wild ausgefrästen Mustern wie Kornfeld-Kreise, die weltraumbesessene Architekten erdacht haben. Dazu Skizzen: marsianische Städte, venusianische Siedlungen, merkurianische Schrebergärten, für all die Planeten, die bekanntlich niemanden gehören und auf Besitzergreifung warten, alles genialisch schraffiert, dazwischen ein aus der "Presse" geschnittenes Hollegha-Statement: "Die Begabten malen immer noch."

Besonders im direkten Vergleich mit dieser irrwitzigen Dichte in Form und Inhalt wirken etwa Karl Kaltenbachers Krawatten-Evangelisten-Tiere-Kombinationen flach und aufgesetzt und Thomas Redls Collagen und Ausrisse zum Thema Trennungsmauer zwischen Israel und Palästina ("Niemandsland jetzt") beliebig. Witzig dagegen "wovon die welt nichts weiß" von den Künstler-Architekten PRINZGAU/podgorschek: Auf einer Litfasssäule liest man über architektonische Fantastereien wie eine Kirschblütenallee auf dem Flakturm im Augarten, die Luftstraße über den Dächern Innsbrucks, und, natürlich, den 24. Bezirk Wiens. Hier wird das Niemandsland als Hoffnungsgebiet der PR-Strategen, der Konzepttexter verstanden - und selbstironisch belächelt.

Von Selbstironie keine Spur im Begleittext der Ausstellung: Just am Wiener Karlsplatz, wo man fortwährend über Installationen, Interventionen etc. stolpert - und zur Not diverse prosaische Hindernisse zu solchen verklären kann -, just auf dieser wunderbaren urbanen Abenteuerwiese "den Verlust an Kunst in öffentlichen Räumen" zu beklagen, klingt erbärmlich bis komisch.

So komisch wie die röhrenden Rufe, die in "Art Protects You" von Jochen Traar ein Handy im "Vibrationsmodus" einer Pauke und diese wieder einem Lautsprecher übermittelt: eine derbe Travestie auf die Telefonie. Ihr verdanken wir auch den Kuratoren-Künstler-Dialog des Jahres, gehört bei der Pressekonferenz. Kuratorin: "Es geht um die Kommunikation." Künstler: "Um die Nicht-Kommunikation." Genau.

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