Kritik Ausstellung: Rasend schön, schön rasend

Alles ist erleuchtet im Salzburger Museum der Moderne: Betäubend unterhaltsam und mit viel Poesie wird das Haus am Berg vor-eröffnet.

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och ist sie nicht ganz fertig, diese muschelweiße 25-Millionen-Euro- Kiste da oben, am Mönchsberg. Macht nichts. Schließlich soll das barocke Salzburg offiziell auch erst am 24. Oktober sein umstritten schlichtes Museum der Moderne erhalten. In der toten Saison der Mozartstadt. Direktorin Agnes Husslein aber hatte sichtlich keine Lust, dem zu den Festspielen anreisenden Kultur-Aficionados-Clan dutzende Mal das unglückliche Timing der Herbst-Eröffnung zu erklären. Und wahrscheinlich schon gar keine Lust mehr auf dutzende staubige Baustellen-Führungen mit wichtigen Kunstsammlern und (möglichen) Sponsoren. Also improvisieren - und "Einleuchten", wie es Plakate ankündigen.

Dabei handelt es sich nicht um ein nächtlich heidnisches Ritual, sondern eine fulminante Messe von Meistern des Lichts und der Inszenierung. Zwischen provisorischen Sperrholztüren und mit Folie verklebten Fenstern öffnen sich dämmrige Kammern der Poesie. Nur hereinspaziert in diese ätherische Erlebniswelt durch Carsten Höllers Glamour-Tunnel der vergangenen Biennale Venedig, durch Bögen von blinkenden Glühbirnen, über den Laufsteg der spielerischen Selbstbespiegelung. Riesige Bienen schwärmen über Wände und Boden, erweitern Diana Thaters Raum mit ihrem Tanz ins Sechsdimensionale, wie uns Bio-Mathematiker erzählen. Anker in diesem bodenlosen Getümmel ist die zweidimensionale rote Blume auf einer Videowall. Dort, wo ab Herbst Werke von Picasso, Monet und Kirchner aus der Sammlung Batliner zu sehen sein werden, schweben jetzt noch gemächlich Eisschollen durch arktische Fluten, gefilmt von Darren Almond. Im Stiegenhaus kämpft eine sanft glimmende Kristallformation von Sylvie Fleury gegen die Sonneneinstrahlung durch die Oberlichten.

Ironie der Kunst, dass für eine Ausstellung über Licht genau dieses weitgehend ausgesperrt werden muss. Die Flexibilitäts-Feuerprobe für die technische Ausrüstung des Hauses ist jedenfalls geglückt. Ebenso eindrücklich demonstriert die Ausstellung auch eine fast kompromisslos internationale Ausrichtung des Hauses. Zwei Arbeiten von Brigitte Kowanz aus der Zumtobel-Sammlung sind auch schon der ganze österreichische Beitrag. Von Galerist Thaddaeus Ropac kommt u. a. ein Neon-Herz von Tim Noble und Sue Webster. Perfide Selbstzerstörung: Die kitschige Wandbeleuchtung formt sich, genauer betrachtet, aus dem Schriftzug "Fucking beautiful".

Größter Leihgeber der Ausstellung ist Francesca Habsburg, die neben Husslein und Daniela Zyman als Kuratorin fungiert. 22 Arbeiten hat sie aus ihrer sehr persönlichen Sammlung ausgewählt. Einer ihrer Lieblinge, der isländische Szene-Darling Olafur Eliasson, der unlängst die Turbinenhalle der Tate Modern in London in einen atemberaubenden Sonnenunter- oder -aufgang hüllte, ist gleich mit vier zauberhaften Licht-Glas-Farb-Kabinetten vertreten.

Bei der Kunstmesse Basel machte ein Landsmann von Eliasson von sich reden. Jetzt kann man auch in Salzburg die wummernde Meditations-Anordnung mit Wasser-Schale von Finnbogi Pétursson am eigenen Leib verspüren. Später weint man mit dem Mädchen aus Hubbard/Birchlers Video, das seine Party zum achten Geburtstag im wahrsten Sinn des Wortes den Bach runtergehen sehen muss. Weiter mit der Selbstbeobachtung mit Pipilotti Rist, die in ein fragiles Labyrinth aus Spitzenvorhängen lockt, um von dort rastlos zu einem heiteren Spaziergang durch verwahrloste urbane Randzonen aufzubrechen. Völlig die Orientierung lässt sich dann in John Armleders Schwindel erregendem Disco-Inferno verlieren: Zwischen zwölf pathetisch auf Augenhöhe rotierenden Glitzerkugeln stürzt man kopfüber in eine rasende Traumlandschaft aus Licht und Stille.

Ruhe verlangen zum Schluss auch die Sinne - man findet sie am ehesten in den von Eva Schlegel gestalteten Toiletten, wo man vor runden Spiegel-Spielereien prächtig über diese betäubend unterhaltsame Vor-Eröffnung nachdenken kann - und letztendlich doch nur schleunigst wieder hinaus will in diesen eskapistischen Karneval.

Eröffnung: Samstag, 24. 7., 18 Uhr. Bis 31. August, tägl. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr


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