Kritik Ausstellung: Die Liebe und die Nierndln

Im "Atelier Augarten" arbeiten sich 15 Künstler an James Joyce' "Ulysses" ab. Mehr oder weniger ernüchternd, jedenfalls unterhaltsam.

U
m gleich mit dem mächtigsten Ka liber zu beginnen: Joseph Beuys, ein Klassiker der "Ulysses"-Rezep tion in der bildenden Kunst. Auf seinem Fensterbrett pflegte der hagere Guru ein mythisch höchst aufgeladenes Altärchen: Einen Band der ersten deutschen "Ulysses"-Übersetzung beflackerten zwei Kerzen, das Gegenlicht wurde durch eine schwarze Tafel ausgeblendet, auf der eindringlich prangte: "Joyce". Und hier kniete wohl Beuys. Wenn das kein Bild fürs Weltgedächtnis ist. Ein Herrgottswinkel für die Postmoderne, die hier zum eifernd insiderischen Zitieren Luft holt.

So braucht also gar nicht erst Richtung "Atelier Augarten" zu streben, wen nicht schon einmal "Ulysses" Atem streifte. Denn für die Zeitgenossen-Dependance der Österreichischen Galerie Belvedere arbeiteten sich anlässlich der heurigen hundertjährigen Wiederkehr des "Bloomsday" - Sie wissen schon, der 16. Juni, an dem alles beginnt und (fast) wieder endet - 15 Künstler am Überbuch ab. Und das muss heute alles andere bedeuten, als nur zu illustrieren. Zitate haben zumindest verschlüsselt zu sein. Damit die Schau Spaß macht - und das tut sie - sollte man sich zuvor mit dem schönen Katalogbuch in den Park setzen, um die 18 Kapitel, die seit 1927 das Literaturverständnis revolutioniert haben, wenigstens im Schnellkurs zu inhalieren. Hier fasste Kurator Thomas Trummer die 1000 Seiten der deutschen Übersetzung auf 95 zusammen.

So können dann vielleicht in Beuys' "Art Rite"-Zeichnungen die winzigen Kringelchen auch ohne Englisch-Wörterbuch als Lamm-Nierndln identifiziert werden, die Hauptfigur Leopold Bloom sich und seiner untreuen Molly in der Früh immer so liebevoll zubereitet. "I love you by 8 mutton Kidneys more" schrieb Beuys auf das Blatt. Durch ein Gewitter von Assoziationen muss man um die Säule aus weiß bemalten Plastikmülleimern kreisen, die eine Art Riesen-Ei krönt: Franz West hat das Gebilde dem Architekten Heidulf Gerngross gewidmet, da dieser vor vier Jahren eine "Ausstellungs-Odyssee" hinter sich bringen musste. Verrät der Beipackzettel. Eine der "Säulen des Herkules" also, bis zu denen Odysseus in der "Göttlichen Komödie" einst gesegelt war. Und weiters ein Hinweis auf Brancusis "Unendliche Säulen". Denn dieser wiederum hat Joyce des Öfteren porträtiert. Bezüge über Bezüge also, durch die es, dank ausführlicher Erklärungen, ganz unterhaltsam ist, sich zu winden. Manchmal jedenfalls.

So auch bei der sinnlichsten Inspiration der Ausstellung, die wie die meisten anderen, extra für den Anlass erbeten wurde. Markus Schinwald filterte das angeblich einzige in "Ulysses" beschriebene Gemälde heraus: Eine Nymphen-Darstellung, die, gerahmt in Esche, über Mollys Bett hing. Schinwald druckte Klimts "Fabel"-Nymphe aus dem "Wien Museum" auf die Abdeckung eines Wandlautsprechers - natürlich in Esche furniert. Durch ihn dringt traurig "Loves's Old Sweet Song", dessen angebliche Probe der Sängerin Molly in "Ulysses" als Vorwand zum Seitensprung dient. Ihr Mann hat derweil durch Dublin zu wandern. Eine wunderbar melancholische Arbeit.

Ins Gegenteil verschlägt es Deutschbauer/Spring: Sie haben eine Station ihres "Theater-Karaokes" aufgebaut. Nach "Zwei Schwestern", "Zwillhelm Tell" kann man jetzt "Twolysses" mit Hilfe Mikrofonen-Paar und Video-Schirm mitsprechen. Hier darf gespielt werden - und das erleichtert ungemein, den konzeptuellen Bierernst eines Lawrence Weiners zu ertragen, der spärlichen Text mit wohl viel Bedeutung auf die Wand klebte. Ernüchternd. Wie auch, dass bildende Kunst sich oft skurril verrenken muss, um ihre Autonomie gegen derart auratische Literatur zu verteidigen. Gerade einem Beuys gelingt es, seinem Guru Joyce in lässiger Nonchalance gegenüberzutreten.

Bis 15. August. Di.-So. 10-18 Uhr. Scherzergasse 1a, Wien 1.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.