Kritik Festwochen: Theaterangst im Rabenhof

Die Wiener Festwochen beauftragten vier Stücke zum Bürgerkrieg von 1934. Viel ist den Theatermachern dazu nicht eingefallen.

Jewgenij Grischkowez betritt die Bühne, nimmt seine Arm banduhr ab, legt sie auf den Schreibtisch. Eine Stunde     und 20 Minuten später wird er sie wieder umlegen und die Bühne verlassen. Eigentlich ist dazwischen nicht viel geschehen. Denn, es ist nicht seine Geschichte, über die der russische Theaterzauberer diesmal auf seine so eigene, intensive Weise plauderte. Es geht um uns, das Publikum, um diesen winzigen Abschnitt in Österreichs Geschichte, um die paar Tage Bürgerkrieg im Februar 1934. Und von diesen hatte Grischkowez noch nie gehört, bis die Festwochen ihn mit einem Stück für ihre "Februar 1934"-Schiene beauftragten.

Im Nachhinein ein rettender Glücksgriff für das Programm im Rabenhof-Theater. Denn Grischkowez schaffte es, die ins Nostalgisch-Betuliche geratene Grundstimmung mit dem harten, ungetrübten Blick eines Außenstehenden zu brechen.

Aber was war davor? Begonnen hatte es mit "Wallisch Wandern" vom Grazer Theater im Bahnhof. Ein höchst artifiziell verfremdetes Volksstück über das Nichtwissen   la "Wer, verdammt noch mal ist Koloman Wallisch?" Immerhin wurde somit gleich das größte Problem des Themas klar festgemacht: das Schweigen über bzw. das Desinteresse an 1934. Aufstand und Austrofaschismus gehen im Geschichtsunterricht zwischen Erstem Weltkrieg und Nationalsozialismus kläglich unter.

Die Zwischenkriegszeit, ein chaotisches, nicht aufgearbeitetes Nischenthema? Wenigstens nicht mehr für 30 Schüler aus Akademischen Gymnasium und Bundesgymnasium Franklinstraße, Floridsdorf. Sie erarbeiteten - in ihrer Freizeit wohlgemerkt - ein weiteres Auftragswerk zu 1934. Schön gemeinsam - es hätten auch zwei andere x-beliebige Schulen sein können - wurde eine schnelle Collage aus persönlichen Gedanken, nachgespielten Kampfszenen und Videos von Zeitzeugen-Gesprächen konstruiert. Ziemlich brav vom Zugang her, trotzdem eine auch künstlerisch anspruchsvolle Arbeit. Die Schüler können zufrieden sein - danke, setzen.

Aber die Festwochen? Mit dem aktuellen Terror wird im Hauptprogramm bei weitem nicht so ängstlich historisch korrekt umgegangen wie mit 1934. Vor allem scheint die Zufriedenheit der mitwirkenden Zeitzeugen gezählt zu haben, eine penible dokumentarische Genauigkeit. In dieser erstickt auch die estnische Theatermacherin Merle Karusoo, die das Schicksal der nach Moskau geschleusten Schutzbund-Kinder recherchiert hatte. "Kinderheim No. 6" war der Höhepunkt der Betroffenheits-Schleuder, nett aufgesagt, nett nachgespielt.

Warum man sich im Theater gerade jetzt mit 1934 beschäftigen muss, das blieb offen. Auch eine Schlägerei, die Jugendliche am Samstagabend nach der Schüler-Aufführung provozierten, hatte wohl weniger mit der Aktualität des 1934-Stoffes zu tun als mit der sozialen Situation im und um den Gemeindebau Rabenhof.

Zurück auf die miefige Bühnen-Couch. Grischkowez setzt sich. Vieles habe er nicht verstanden in den Erzählungen. Für welche Touristen wohl die Postkarten von den zerschossenen Gemeindebauten gemacht wurden? Warum die Männer vom Schutzbund sich in ihren Wohnungen, bei Frauen und Kindern verbarrikadiert haben? Und warum hat man den Strom abgestellt? Damit man nicht mehr kommunizieren konnte? Nur eines war dem Russen klar: Warum niemand darüber sprechen will. Alles war total unorganisiert. Das war wohl beiden Seiten peinlich. Aber: "Es wurde schon 70 Jahre geschwiegen. Da kann man auch weiter schweigen." Bis auf Grischkowetz ist dem zeitgenössische Theater über 1934 enttäuschend wenig eingefallen.

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