Am Herd

Wer rettet mich vor dem offenen Reißverschluss?

Neulich bin ich mit zwei verschiedenen Schuhen in die Arbeit gegangen und mir ist es den ganzen Tag nicht aufgefallen. Und auch sonst niemandem. Oder sie haben nichts gesagt.

Das passiert eben, wenn im Vorzimmer nur ein Funzellicht brennt: Man verwechselt Schuhe. Das war im konkreten Fall sehr leicht, das eine Paar war nämlich schwarz mit einem dezenten braunen Muster. Und das andere war schwarz und hatte dezente blaue Streifen. Bitte fragen Sie mich nicht, warum man Schuhe kauft, die man nur bei entsprechender Beleuchtung und nach der zweiten Tasse Kaffee voneinander unterscheiden kann.

Ich bin also mit zwei verschiedenen Stiefletten aus dem Haus gegangen, bin den ganzen Tag damit herumgelaufen und habe es erst am Abend bemerkt. Angesprochen hat mich darauf niemand. Das ist meistens so. Entweder es fällt niemandem auf, die Leute sind ja zum Glück viel mehr mit sich selbst beschäftigt, als man glaubt. Oder es fällt ihnen zwar auf, aber es will einem keiner sagen. Ich muss jedenfalls immer selbst draufkommen, dass die Wimperntusche verschmiert ist oder dass ich den Pulli verkehrt herum trage oder das Kleid verrutscht ist.

Der Burgchef entfernte das Putzerei-Zetterl

Ich bin monatelang mit einem Mantel herumgelaufen, dessen Schlitz noch zugenäht war, bis eine Verkäuferin, die mit dem Kauf dieses Mantels übrigens rein gar nichts zu tun hatte, den Bann brach, sich meiner erbarmte und flugs die Schere holte. Einmal hat mir der ehemalige Burgchef Matthias Hartmann nach einem Interview-Termin in die Jacke geholfen und dabei das Etikett der Putzerei entfernt, das schon ganz zerwuzelt war.

Am süßesten war eine Frau in Leipzig. Ich stand dort am Morgen in der Schlange vor der Kaffeemaschine, in der linken Hand ein leeres Häferl, in der rechten ein Teller mit einem Croissant, Butter und Marmelade, da kam eine der Servierdamen auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr. Sie war so klein, sie stellte sich dafür auf die Zehenspitzen: „Ihr Reißverschluss ist offen.“

Es war der Reißverschluss meines langen, weit schwingenden Rocks, mit dem ich mich immer sehr schön fühle! Während ich mit Schrecken daran dachte, wie peinlich es gewesen wäre, den ganzen Tag auf der Leipziger Buchmesse mit offenem Rock herumzulaufen und mich dabei schön zu fühlen, und gleichzeitig überlegte, wo ich schnell das leere Häferl und den vollen Teller abstellen könnte, um diesen Toilettenfehler zu beheben, flüsterte sie: „Ich mach das schnell.“

Wir lachten beide leise und ein bisschen verschwörerisch, sie gab mir Deckung und zog gleichzeitig den Reißverschluss zu, und das ist wohl etwas vom Nettesten, was eine wildfremde Person jemals für mich gemacht hat.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com
www.diepresse.com/amherd

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