"Das weite Land" breitete sich im Südbahnhotel am Semmering aus - einsam belebt von Petra Morzé.
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er erste Moment war im Rückblick wohl auch der intensivste: Genia (Petra Morzé) sitzt im Lederfau teuil, das Publikum im Rücken. Still ist es. Sie blickt hinaus durch die imposante Fensterfront des Südbahnhotels am Semmering, hinaus auf die schon so lange verlassene Terrasse, hinaus in die Dämmerung, ins Wiener Beckens. Da draußen irgendwo liegt Baden, wo Arthur Schnitzler sein "Weites Land" einst eingebettet hat.
Am Semmering hat er im Jänner 1909 das Skript zu seinem wohl erfolgreichsten Theaterstück überarbeitet. In diesem morbiden Luftkurort, wo "grüne Witwen" ihre untreuen Ehemänner mit der einen oder anderen Tennispartie verdrängten. Wenigstens den Sommer lang. Und vielleicht auch in der Dämmerung gen Wien starrten, von der Terrasse des Südbahnhotels. Es ist diese Authentizität des Ortes, vor der man sich doch immer wieder beugen muss, seit die Reichenauer Festspiele für ihre opulenten Stationen-Inszenierungen die brach liegende Nobelherberge entdeckt haben. Diese war Schnitzlers Vorbild für den dritten Akt, in dem die illustre Vagabunden-Schar rund um Hofreiter (Herbert Föttinger) Gipfel stürmt und in ihre Abgründe blinzelt.
Hier begegnet der getriebene Gatte im gealterten Charmeur, dem Hoteldirektor von Aigner (Wolfgang Hübsch), seinem möglichen Schicksal, gibt sich dennoch der blutjungen Erna (Agnes Riegl) hin, verliert so seinen besten Freund, den Doktor Mauer (André Pohl). Und trotz der magischen Einheit des Ortes ist es genau dieser Akt, der schroff wieder wachrüttelt aus jeglicher nostalgischen Versunkenheit. Es ist der einzige Akt ohne Genia. Ohne der so selbstverständlich ihre Rolle beherrschenden Petra Morzé. Ohne sie driftet die Aufführung in Klamauk ab, noch schlimmer, in den Pathos. Ohne starken Gegenpart steigert sich Föttingers sehr körperlicher, sehr derber Hofreiter ins Schwülstige, seine Liebes-Schwüre verhallen in Richtung einer fast verschwindend blassen Erna. Uns trösten die letzten Szenen, wie Genia sich derweil mit dem zarten Fähnrich Otto (ein etwas kurzatmiger, aber glutäugiger Alexander Pschill) getröstet hat. Seine Jugend wird das Duell mit Hofreiter nicht überleben.
Alles solide Kulisse für Morzé, um in Genias Leidensfarben zu brillieren. Selbst schriller Hass gelingt ihr ohne verkünstelnde Anstrengung. Ihr zur Seite steht Pohl seinen tief traurigen Doktor Mauer und Marianne Nentwich ist eine gütige Fähnrichs-Mutter. Vor zwölf Jahren hat Nentwich selbst eine viel gelobte Genia gegeben, ebenfalls für Reichenau, ebenfalls in Regie von Beverly Blankenship. Hübsch war Hofreiter und Elisabeth Augustin, die jetzt Ernas Mutter zu hysterisch überzeichnet, kennt man von damals als Bankiersgattin Natter.
Damals hat sich das "Weite Land" im kleinen Reichenauer Theater erfrischend unbeschwert ausgelebt. Am Semmering tut es sich 2004 schwerer. Noch dazu, weil der Vergleich mit Andrea Breths grandioser Salzburger Festspiel-Inszenierung von 2002 noch zu nahe liegt. Die tigerhafte Eleganz und Eiseskälte von Sven-Eric Bechtolfs Hofreiter, die Präzision und Präsenz der Nebenfiguren haben neue Standards gesetzt. Mit leichtestem Herzen und weitester Seele wird vom Südbahnhotel wieder wegfahren, wer vorher nicht in Salzburg war.