Die "Wien Tage" in Bukarest zeigten viel Traum und wenig Wirklichkeit. Eine junge Kunstszene gestaltet sich ihre ganz private Gegenwelt.
K
öter, Kinder, Kriminelle. Das erwar tet man sich gemeinhin von Buka rests Straßen. Alles Vorurteile? Wohl nur zum Teil. Aber nicht umsonst lautet ein "running gag" unter Rumänen: Unsere Diebe sind alle in Österreich. So wundert es auch nicht, dass Auslandsösterreicher von Bukarest als unglaublich sicherer Stadt schwärmen - mit dem Flair von Paris. Diese freundliche Seite zeigte die rumänische Hauptstadt, an deren bitterarmen Rändern Pater Georg Sporschill seine Notprogramme für obdachlose Kinder betreibt, vergangene Woche einer Wiener Delegation. Sie war zum Auftakt der "Wien Tage" angereist. Bürgermeister Häupl, Kulturstadtrat Mailath-Pokorny und im Hintergrund ein Tross Beamter für Abfallwirtschaft und Infrastruktur wurden durch eine fast schon verdächtig armutsfreie Innenstadt geschleust. Von der Eröffnung der Wiener Plakat-Ausstellung zum Strauß-Konzert im Park, wo - man war dann doch perplex - tausend Menschen zum Klatschen begannen. Wien heißt eben Walzer. Das weiß auch Bürgermeister Traian Basescu, der sich im Wahlkampf befindet und sich das nostalgische Klingen extra gewünscht hatte.
Dabei versuchen die regelmäßig von New York bis Sofia veranstalteten "Wien Tage" gerade, ihr Image zu ändern. Ein Zwischenstadium ist erreicht. Vom repräsentativen Programm hat sich ein Off-Teil abgespalten. Für diesen sorgen hauptsächlich die 50 österreichische Künstler, die in den nächsten fünf Wochen eingeflogen werden. Schwerpunkte sind dabei Medienkunst, elektronische Musik, Performances, neue Literatur. Während sich die Elektro-Szene in Bukarest gerade erst formiert - die Auftritte der Österreicher wurden gestürmt - haben sich Tanz und bildende Kunst bereits gut international vernetzt. Dazu trägt auch die seit 1997 im Grenzort Iasi stattfindende Biennale für aktuelle Kunst bei, die schon einmal von Studenten der Linzer Kunstuni oder Erwin Wurm heimgesucht wird.
Ansonsten scheint junge Kunst in Rumänien mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden - in vier, fünf kleinen Galerien, die auch schon einmal in einer Privatwohnung eingerichtet werden. Den Experimentellen bleibt nichts anderes übrig, 95 Prozent der Ausstellungsräume werden von der staatlich unterstützten, konservativen Künstler-Vereinigung dominiert, berichtet der 25-jährige Vlad Nanca, der mit englischer Freundin und Baby eine "Home-Gallery" betreibt. Wie viele andere kehrte auch er von diversen Artist-in-Residence-Aufhalten immer wieder zurück. Die jüngere Kunstszene in Bukarest - Nanca schätzt sie auf etwa 50 Personen - sei eben nicht so groß wie etwa in London. Der Vorteil: Man habe schnell einen Namen. Andererseits gäbe es keine Subventionen, und die Leute interessieren sich mehr für Kunsthandwerk. Bei den Jungen sei das anders. Da bestehe ein echter Hunger nach Kunst - oft würden Bilder einfach verschenkt, da sie sich sowieso niemand leisten könnte. Mit politischen und sozialen Problemen will sich aber trotzdem niemand beschäftigen - "Viele haben es einfach satt", so Nanca.
Frustriert wirkt Mihai Mihalcea, einer von drei international gefragten Performern und Choreografen aus Bukarest. In Wien, Paris, London tritt er auf, in seiner Heimat aber gäbe es einfach keine Orte für ihn, klagt er. Nur zweimal erst, einmal auf Einladung der Franzosen und jetzt, im Rahmen der "Wien Tage", war das möglich. Sonst muss er wie die anderen jungen Künstler Nebenjobs annehmen: Jüngst etwa in einer Show zur Begrüßung von Claudia Schiffer in Bukarest. Nur, anders als in Wien, können solche Überlebensstrategien dem künstlerischen Ruf nichts anhaben. Sie sind Normalität.