Kritik Theater: Überwachen und Strafen im Irrenhaus Russland

Der kraftvolle ukrainische Regisseur Andrej Scholdak inszenierte für die Wiener Festwochen "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch".

Es riecht nach nassem Hund. Die Zuschauer im Kabelwerk sind in einem schwarz verkleideten Raum zusammengepfercht und warten lange auf den Einlass. Dann geht es Schlag auf Schlag. Wächter in Weiß befehlen die Menschen in den Saal. Für zwei Stunden ist man gefangen, weit weg von der Zivilisation, im Archipel Gulag, irgendwo in Sibirien. Scholdak hat mit dem Ensemble des Staatlichen Schauspielhauses von Charkow jene Novelle des Alexander Solschenizyn packend umgesetzt, mit der dieser russische Dichter-Dissident 1962 berühmt wurde.

Die Szene: Laufgitter wie für Raubtiere, weiß gekleidete Menschen mit Hasenohren sitzen dicht gedrängt auf dem Boden, Kinder, Erwachsene, Alte. Unerträglicher Lärm. Ein bedrohliches Bellen aus Lautsprechern, zudem patrouillieren mehrere Wachen mit Schäferhunden über den Platz. Die scharf gemachten Tiere schnappen nach den Gefangenen. Ein Mensch an der Leine, in den Bewegungen schon vertiert, turnt an den Gitterstäben entlang. Später wird man ihm die Kleider vom Leib reißen, ihn mit einer entblößten Frau in einen Käfig stecken. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf - sie schnüffeln aneinander wie Hunde, sie krümmen sich unter dem grellen Scheinwerferlicht Schutz suchend zusammen. Aber es gibt keinen Ausweg, die Musik täuscht nur vor, dass hier der Geist von Mozart herrscht, in diesem Lager ist Stalin zu Hause. Die Gefangenen frieren, sie werden mit Wasser bespritzt. Sie müssen Holzpakete zu einer Mauer zusammenfügen, nur damit diese von den Wärtern wieder umgestoßen wird. Es herrscht der betäubende Ton einer mit dem Hammer zum Morgenappell angeschlagenen Eisenbahnschiene.

Was passiert? Überwachen und Strafen. Sinnlose Tätigkeiten. Warten. Für diese Erniedrigten gibt es, so sagt irgendwann einmal der erzählende Protagonist Shukov Ivan Denissowitsch (Volodymyr Malyar), sehr einfache Regeln: Niemanden verpfeifen, sich nicht über die Essensreste hermachen. Sonst krepierst du. Am schlimmsten sind die Szenen mit den Kindern. Für sie scheint der Lageralltag ein Spiel. Ihre Unschuld zeigt das Ausmaß des Terrors. Scholdak ist es überzeugend gelungen, den Wahnsinn der sowjetischen Lager darzustellen. Er macht daraus ein rabenschwarzes Drama. Aber nicht nur der dargestellte Gulag scheint eine andere Welt zu sein, auch die Darstellung ist fremd. So viel Pathos ist hierzulande kaum vorstellbar. So viel Kraft auch nicht. Das Stück berührt.

Und kaum ist der Schrecken vor der Pause so weit getrieben worden, dass man nicht weiß, wie es weitergehen soll, überrascht Scholdak im zweiten Teil mit einem Satyrspiel: Ganz Russland scheint ein Irrenhaus zu sein. Clowneske Szenen, billige Scherze und von Symbolik überfrachtete Bilder werden dargebracht. Ein Komponist (Leonid Tarabarinow), Frau-Tod (Agnessa Dvzonarchuk) , die Erzählerin (Olga Krasylnovoka), der Chefarzt (Petro Rachynskiy) und die Oberschwester (Galyna Karan) sind zu seltsamen Streichen aufgelegt. Überhaupt tendiert das Personal zum Ausrasten. Ein Höhepunkt, den man nicht so schnell vergessen wird: die Eierschlacht im Kabelwerk. Zuletzt wird einer begraben, unter Steinbrocken. Das Publikum kann gelöst entlassen werden. Nur Shukov muss noch ein wenig bleiben. Mehr als 3.500 Tage. Ewig.

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