Replik

Von Schärding bis Wien: Über sinnlose Platzgestaltungen

Dem Bürgermeister von Schärding und vielen an entscheidenden Stellen agierenden Zeitgenossen ist zu empfehlen, sich mit dem geistigen Erbe unseres Kulturraumes fundiert auseinanderzusetzen.

Für viele Stadtplätze von Altstädten werden heute strukturfremde Begrünungen, Umbauten nach dem „Schwammstadtprinzip“ oder die Freimachung von Windkorridoren propagiert. Unter Hinweis auf durch den Klimawandel gebotene Notwendigkeiten setzt man Maßnahmen – möglichst ohne nachzudenken! –, die weder mit historischen Straßenbildern, noch mit der historischen Bausubstanz und schon gar nicht mit der technischen Struktur zu vereinbaren und in den meisten Fällen auch noch sinnlos sind.

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Hier treffen wir neben einer grundlegenden Unkenntnis von Geschichte auf naives Veränderungsbedürfnis unter dem Titel „Klimaschutz, Klimawandelanpassung etc.“ Also könnte man sagen, dass hier Initiativen gegen den Klimawandel aus unreflektiertem Zeitgeiststreben gesetzt werden, sie also „unter falscher Flagge“ segeln, da „… ein Platz weder ein Park noch ein Garten ist“. (Architekt Karl Langer).

Wiener Michaelerplatz

Die auf dem Wiener Michaelerplatz durch die Stadtgestaltung geplante Pflanzung von Bäumen bekommt damit skurrilen Charakter angesichts der in unmittelbarer Nähe gelegenen, ausgedehnten Grünzonen mit reichem Baumbestand im Volks- und Burggarten.

Auf ein aktuelles und ebenso skurriles Beispiel in der Altstadt von Schärding wies die Kunsthistorikerin Beate Dandler kürzlich an dieser Stelle in der „Presse“ (4. März 2024) hin. Demnach hat die rot-schwarze Stadtregierung beschlossen, unter Einsatz von 600.000 Euro aus Steuermitteln (!) die beiden bekannten und international bedeutenden Plätze in der Altstadt in eine „grüne Oase“ zu verwandeln. Abgesehen von der Sinnlosigkeit dieser Maßnahme – nämlich eine von grünen, weil großen landwirtschaftlich genutzten Flächen umgebene Stadtstruktur, die überdies am Wasser liegt, durch das Pflanzen einiger Bäume klimatisch „verbessern“ zu wollen – ist dies als Schändung eines hochkarätigen Altstadtensembles – das auch ­international gelistet ist – inklusive der Sinnentleerung des Christophorus-Brunnens zu sehen, eines hochkarätigen Kunstwerkes: Denn das derzeit mächtige Brunnenbecken soll auf einen 5 cm tiefen „Bodensatz“ reduziert werden. Der überlebensgroße Heilige schleppt hier seit Jahrzehnten das Christuskind durch die um seine Füße schäumende Gischt inmitten des großen Wasserbeckens. Die bildnerische Gestaltung zeigt die der Legende nach beim Durchwaten des Flusses zunehmende Last des die Welt mit sich führenden Christuskindes.

Schärdinger Schandtaten

Der aus dem niederbayerischen Pfarrkirchen im Rottal (dem Innviertel benachbart) stammende Bildhauer Prof. Hans Wimmer (1907–1992) hat vor 60 Jahren das dramatische Geschehen durch die in seinem Werk einmalige vollplastische Darstellung des Heiligen Christophorus durchaus anschaulich gemacht. Der Wasserschwall um die Füße des Heiligen ist unverzichtbarer Teil der künstlerischen Konzeption!

Es wäre Günter Streicher, Bürgermeister von Schärding, seinen Beratern und vielen an entscheidenden Stellen agierenden Zeitgenossen zu empfehlen, sich mit dem geistigen Erbe unseres Kulturraumes fundiert auseinanderzusetzen. Erst dadurch können die materiellen Zeugen aus der Vergangenheit „richtig gelesen“ und damit verhindert werden, dass dem Gemeinwohl durch eklatante Fehlentscheidungen weiter geschadet wird. Hier eröffnete sich wohl ein Feld für die durch Bürgermeister Streicher nach seiner Wahl angekündigte Zusammenarbeit!

Dr. Bruno Maldoner (*1951) ist akad. Bildhauer. Er absolvierte Architektur- und Bildhauerei-Studien. Nach Engagements in Privatbüros und an der TU Wien wechselte er in den öffentlichen Dienst: Magistrat der Stadt Wien, Bundesdenkmalamt und Unterrichtsministerium.

(Printausgabe 22.3.2024) 

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