Replik

Wenn sich die Wissenschaft politisch einspannen lässt

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Wer sich auf wissenschaftliche Autoritäten beruft, sollte immer auch an jene Experten denken, die für das Gegenteil einstehen.

In seinem Gastbeitrag vom 23. 3. unterstellt Josef Christian Aigner Teilen der österreichischen Öffentlichkeit ideologisch motivierte Wissenschaftsfeindlichkeit und mahnt mehr Vertrauen in fachliche Expertise ein. Leider ist seine Argumentation politisch so einseitig, dass sie dieses Vertrauen kaum stärken dürfte. Wenn wir rationales Denken fördern und das Ansehen von Wissenschaft heben wollen, sollten wir uns zuerst klarmachen, worin das Besondere wissenschaftlichen Arbeitens besteht.

Erstens: Wissenschaft ist ein komplexer Prozess des Erkenntnisgewinns, keine Auflistung unantastbarer Wahrheiten. Wissenschaft lebt also von Skepsis und rationaler Kritik. Spätestens seit Karl Popper wissen wir, dass wissenschaftliche Theorien nur so lang gelten, bis sie falsifiziert werden.

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Zweitens: Wissenschaft entsteht durch die Arbeit von Wissenschaftlern. Und die bilden in keiner Disziplin einen monolithischen Block, sondern vertreten oftmals unterschiedliche Positionen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wissenschaftliche Ergebnisse einer Interpretation bedürfen.

Wer sich auf wissenschaftliche Autoritäten beruft, sollte immer auch an jene Experten denken, die für das Gegenteil einstehen. Wer die Alternativlosigkeit von Maßnahmen proklamiert und sich dabei auf „die Wissenschaft“ beruft, missbraucht dieselbe und darf sich über ein gesundes Maß an Misstrauen nicht wundern.

Argumente für Ziffernnoten

Drittens: In praktisch jedes wissenschaftliche Projekt fließen eine Reihe von Annahmen und Entscheidungen ein, und zwar hinsichtlich des begrifflichen Modells, der Datenerhebung und -aufbereitung, der gewählten Methode etc. Dadurch entstehen Unsicherheiten. Diese aufzuzeigen ist alles andere als ein Ausdruck von Wissenschaftsfeindlichkeit.

Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen die Bedeutung der Begriffe und die eingesetzten Methoden eine zentrale Rolle spielen. Wenn Prof. Aigner etwa schreibt, man wisse seit Jahrzehnten Bescheid über „die Gerechtigkeit und pädagogische Unzulänglichkeit von Ziffernnoten“, dann verwendet er zwei unscharfe Begriffe (Gerechtigkeit und pädagogische Zulänglichkeit), um eine bildungspolitische Forderung zu stützen. Tatsächlich gibt es gute Argumente für Ziffernnoten, weshalb diese weltweit in Schulen zum Einsatz kommen.

Wissenschaft und Politik

Viertens: Natürlich wird medizinische Forschung nicht von „korrupten Gaunern und Marionetten der Pharmaindustrie“ betrieben, wie es Aigner Kritikern der Corona-Impfung in den Mund legt. Aber zweifellos üben die Interessen der Geld- und Auftraggeber, die Vorlieben und Vorurteile der Forscher, Karrierewünsche und nicht zuletzt der Zeitgeist Einfluss auf wissenschaftliche Forschung aus. Außerdem ist ein nicht unerheblicher Teil wissenschaftlicher Publikationen von fragwürdiger Qualität.

Fünftens: Wir müssen streng zwischen Wissenschaft und Politik unterscheiden. Wissenschaftler erfassen und werten empirische Daten aus, stellen Theorien auf, bieten Erklärungsansätze an und versuchen, mit Modellrechnungen komplexe Prozesse zu verstehen. Sobald Wissenschaftler aber ihre Autorität einsetzen, um Maßnahmen von Regierungen zu unterstützen, verlassen sie den Boden der Wissenschaft.

Ob es – um nochmals die Coronazeit aufzugreifen – etwa moralisch ist, jungen Menschen Lebenschancen vorzuenthalten und ihre mentale Gesundheit aufs Spiel zu setzen, in der Hoffnung, dadurch die Infektionsdynamik einzudämmen, diese Frage kann durch keine wissenschaftliche Autorität beantwortet werden.

Abschließend wäre überhaupt zu fragen, wie denn eine wissenschaftsaffine Gesellschaft aussehen sollte. Wollen wir statt des skeptischen Bürgers wirklich den gutgläubigen Untertan, der sich einfach den behaupteten Wahrheiten all jener Experten unterwirft, die medial und politisch gerade tonangebend sind? Oder bekennen wir uns zum mündigen Bürger, der sich gerade dadurch auszeichnet, dass er Autoritäten nicht blind vertraut?

Offene Kommunikation

Ja, natürlich können wir Laien das meiste, worüber Wissenschaftler forschen, kaum verstehen. Gerade deswegen ist eine offene Kommunikation unumgänglich, die den aufgeklärten Bürger ernst nimmt. Sobald aber das Gefühl entsteht, dass sich Wissenschaftler mit Gefälligkeitsgutachten oder mit emotionalen Kampagnen für politische und weltanschauliche Zwecke einspannen lassen, ist es eigentlich ein gutes Zeichen, dass viele Menschen misstrauisch werden. Die Berufung auf wissenschaftliche und empirische Befunde darf niemals zur Diskursverengung, ja zur Tabuisierung von Meinungen führen.

Gerade das lässt sich zunehmend beobachten. Politische Positionen, die möglicherweise nicht mehrheitsfähig sind, sollen mithilfe wissenschaftlicher Autoritäten als alternativlos dargestellt werden. Andere Überzeugungen sind dann nicht einfach andere Meinungen, sondern Irrationalitäten, mit denen man sich nicht auseinandersetzen muss.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Tomas Kubelik (*1976 in der früheren Tschechoslowakei) wuchs in Deutschland auf, studierte an der Uni Wien. Er ist als AHS-Lehrer für Mathematik und Deutsch in Niederösterreich tätig. In seinem Buch „Warum Schulen scheitern. Betrachtungen eines Praktikers“ übt er Kritik an der Bildungspolitik. 

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