Am Herd

Ätsch, ruft der Löwenzahn

Boah, dieser Frühling ist wild. Der wuchert und haut mit Farben um sich, dass einem die Augen übergehen. Und ja, ich weiß, der Klimawandel, aber der ist mir heute wurscht. 

Also normalerweise ist der Frühling ja zaghafter. Da ein bissl Grün zwischen den Pflastersteinen, dort eine schüchterne Knospe am Ende eines dünnen Ästleins, manchmal ein Tupfer gelb und noch einer. Weiße Nasen im kühlen Wind, hin und wieder ein blanker Knöchel, und die Menschen in den Schanigärten hüllen sich in Decken. Da räumt man den Mantel lieber noch nicht nach hinten und wartet noch, bis man die Kapuzinerkresse aussät, wer weiß.

Aber dieser Frühling ist wild. Der wuchert und tut und haut mit Farben um sich, dass einem die Augen übergehen. Und die Ohren. Und die Nasen. Hier riecht’s nach Flieder! Da klopft ein Specht ein Loch ins Zinshaus. Hier schlagen die Bäume aus, aber echt. In der Wiese poppen die Blumen auf, alle gleichzeitig, als wollte eine die andere übertrumpfen. Ich bin schneller, ruft der Löwenzahn und zeigt dem Gänseblümchen die Zunge, stimmt gar nicht, ruft es zurück, und ich spaziere durch dieses Geprotze und freue mich.

Ich weiß. Der Klimawandel.

Zu Hause stehen die Fenster wieder offen. Zeit, dass die Orgeltöne von der Kirche wieder hereinfliegen. Zeit, dass die Vorhänge wehen. Dann rücke ich den Lesesessel ganz nahe heran und lege die Beine aufs Fensterbrett und stelle mir vor, ich lümmelte auf einem Balkon und das Orangenbäumchen stünde im Freien. Letztes Jahr hat uns mehrmals eine Hummel besucht, am Morgen. Die sind vielleicht laut. Sie hat mich aufgeweckt. Aber dann waren die Blüten alle und sie kam nicht mehr.
He, Hummel, es gibt wieder welche!

Ich schnuppere an der Sonnencreme

Dieses Wochenende hat es 26 Grad. Badewetter, nur macht die Donau noch nicht mit, nicht die Alte, nicht die Neue. Egal. Ich kaufe mir schnell eine Sonnenbrille und schnuppere vorsichtig an der Sonnencreme vom letzten Jahr, die brauch ich jetzt, urplötzlich. Wo ist der rosarote Nagellack? Das schwarze Kleid mit den weißen Tupfen? Ich rufe Freundinnen an, ich schlage den Kindern ein Picknick vor, am Wasser, zumindest die Zehen werden nass. Ich gehe aus, mein lieber Mann, kommst du mit? Eiskaffee unterm Sonnenschirm? Bis es dämmert, nein: bis es dunkel wird und die Lichter unserer Fahrräder über die Prater Hauptalle huschen. Ob die Kastanien wohl schon blühen?

Ja, der Klimawandel. Ich habe ihn nicht vergessen. Aber das ist mein Frühling und den darf mir keiner nehmen, und ich freue mich ganz im Gegenteil umso mehr, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt. Welche Hitzen, welche Stürme. Ich nehme also, was ich kriegen kann, jetzt, Anfang April, 26 Grad und Sonnenschein, die Statistiken lese ich morgen wieder.

Sie finden mich unter einem Kirschenbaum.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com diepresse.com/amherd

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