Menotti: Die anspruchsvolle Geliebte

Wieso er noch immer ein Kind ist und nie ein Minzbonbon sein wollte: Komponist Gian Carlo Menotti, 92, im Gespräch mit der "Presse".

Gian Carlo Menottis Oper "Goya" feiert beim Klangbogen Österreich-Premiere

Die Presse: Herr Menotti, Ihre Oper "Goya" wird im Rahmen des Klangbogens erstmals in Österreich aufgeführt. Sie haben für diese Premiere die Partitur überarbeitet. Warum?

Gian Carlo Menotti: Paul Val©ry sagte: "Ein Kunstwerk ist nie vollendet." Man kann immer Verbesserungen vornehmen. Ich habe "Goya" in großer Eile geschrieben, das Festival in Spoleto hat mich immer viel Zeit gekostet. Die neue Version ist besser. Auch Placido Domingo, für den ich die Oper geschrieben habe und der sie auch in Wien singen wird, ist mit der Überarbeitung sehr zufrieden.

Glauben Sie, werden die Reaktionen des Publikums anders sein als bei der Uraufführung in Washington 1986?

Menotti: Die amerikanischen Kritiker haben damals vernichtende Kritiken geschrieben. Ich habe die Oper mit großer Leidenschaft geschrieben, nicht nur, weil mich Goyas Werke begeistern. Das Leben Goyas ist ein Symbol für das Leben jedes Künstlers. Goya, das sind in Wahrheit zwei Personen: der Künstler und der Mann. Als Künstler war Goya ein Held, er war mutig, selbstkritisch. Als Mann war Goya ein Feigling, unterwürfig gegenüber der königlichen Familie. Er malte sehr religiöse Bilder, hatte aber große Angst vor religiösem Fanatismus.

Diese Zweiteilung des Künstlers, entspricht das auch Ihren eigenen Erfahrungen?

Menotti: Ja, wir müssen doch alle mit dieser Dualität leben. Die Kunst ist eine sehr anspruchsvolle Geliebte, sie will immer die Hauptrolle im Leben spielen. Der größte Fehler meines Lebens war, das Festival in Spoleto zu gründen. Ich bin zwar stolz darauf, aber es hat mich sehr viel Zeit gekostet - Zeit, die mir zum Komponieren gefehlt hat. Es gibt nur zwei Beispiele von großen Künstlern, die auch gute Organisatoren waren: Goethe und Wagner. Mein Freund Samuel Barber sagte immer: "Der Künstler ist in unserer Gesellschaft das Minzbonbon nach dem Abendessen." Durch die Gründung des Festivals wollte ich zeigen, dass der Künstler das Brot unserer Gesellschaft ist. Spoleto war damals ein sterbender Ort, die Arbeitslosigkeit war hoch, jeder wollte weg. Durch das Festival wurde Spoleto weltbekannt, es ist aufgeblüht. Die Menschen sind dankbar - das rührt mich schon.

Ihre Kompositionen sind alle sehr konservativ. Was halten Sie von der zeitgenössischen Musik?

Menotti: Ich bewundere viele moderne Komponisten, etwa Poulenc, Schostakowitsch, Prokofjew oder Strawinsky. Ich glaube aber nicht an einen Fortschritt in der Kunst. Kunst ist keine Ware, die im Laufe der Zeit verbessert wird, wie ein Auto. Picasso ist nicht besser als Michelangelo, Schönberg nicht besser als Bach. Der Künstler erfindet ja nichts Neues, er entdeckt nur Dinge, die bereits existieren. Es ist eine Suche nach dem Unvermeidlichen. Ich halte mich für eine Art Wünschelrutengänger. Wenn die Rute ausschlägt, hat man Wasser gefunden. Bei manchen bewegt sich die Rute oft, bei anderen nie. Das nennt man Inspiration. Wo kommt die Inspiration her? Für mich ist sie der beste Beweis für die Existenz Gottes.

Wird es eine Kehrtwende geben? Weg von der Postmoderne, hin zur Musik, die auch ohne Erklärungen verständlich ist?

Menotti: Mir fällt momentan nur eine große Dekadenz auf. Als ich mit dem Festival in Spoleto begann, traten dort Künstler wie Henry Moore, Luchino Visconti, Rudolf Nurejew, Ezra Pound oder Tennessee Williams auf. Sie sind um der Sache selbst willen gekommen, ohne Gage. Wo sind solche Künstler heute? Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich war, als ich Beckett oder Ezra Pound zum ersten Mal traf - aufgeregt vor Begeisterung. Heute habe ich dieses Gefühl nicht mehr. Aber vielleicht liegt das an mir, vielleicht bin ich dazu zu alt. Auch zeitgenössische Lyrik berührt mich nicht, wie die Gedichte von Lorca oder Pablo Neruda es taten. Für einen Künstler ist es nicht wichtig, innovativ oder modern zu sein, er sollte einfach er selbst sein.

Hat diese Dekadenz mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun?

Menotti: Ich denke schon. Die jungen Menschen werden mit Informationen gefüttert, man bringt ihnen aber nicht bei, was sie damit machen sollen. Meine zwei Enkel fragen mich: "Nono, was soll ich später werden?" Ich antworte dann: "Was willst du denn werden?" Es fehlen ihnen diese metaphysischen Qualen, die nötig sind, um erwachsen zu werden. Doch wenn man diese Qualen nie ausstehen muss, verliert das Leben an Würze.

Wann sind Sie denn erwachsen geworden?

Menotti: Lacht. Ich bin noch immer ein Kind. Solschenizyn sagte: "Nur Dumme wollen lehren, intelligente Menschen wollen lernen." Ich lerne noch immer.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.