Interview: "Die Welt will Diven"

Der spanische Dirigent, Gambist und Musikwissenschaftler Jordi Savall findet den "Geniekult" unserer Zeit "unangebracht".

Es muss nicht immer Bach, Brahms oder Beethoven sein. "Was bringt es, wenn ich einen alles andere überra genden Baum habe, der kleinere Pflänzchen in den Schatten stellt und deren Gedeihen verhindert?" - für Jordi Savall ist der Drang nach großen Namen in der Musik, sowohl bei Komponisten als auch bei Interpreten, Anzeichen einer Fehlentwicklung. Diese führt er einerseits auf den kommerziellen Druck, andererseits auf einen generellen Hang zur Vereinfachung zurück: "In der Leistungsgesellschaft zählt nur der Erste, der Beste - die Welt will Diven. Aber oft ist es Zufall, wer berühmt wird und wer nicht. Es kommt doch allein auf das Musikerlebnis an, nicht auf Ranglisten oder große Namen. Bach oder Mozart wären ohne ihre Vorgänger nicht denkbar gewesen."

In den Verdacht, musikalische Blockbuster zu spielen, gerät Savall wohl kaum. Werke von Johann Hermann Schein, Samuel Scheidt und Marc-Antoine Charpentier standen beim Eröffnungskonzert der "Resonanzen" am Programm, das er leitete. Die "Wiederbelebung" vergessener Komponisten ist Savall ein besonderes Anliegen. "Musik ist die Kunst des Gedächtnisses. Wir haben keine Museen, in denen wir unsere Werke platzieren können. Musik lebt, wenn sie gespielt wird."

Einen guten Teil seiner Zeit verbringt Savall daher in seiner umfassenden Bibliothek und studiert alte Partituren auf Mikrofilm. Hat er ein interessantes Stück entdeckt, beginnt die mühsame Arbeit des Edierens. Oft sind Noten nicht lesbar oder Teile der Partitur zerstört. Savall: "Jede Edition ist schon eine Interpretation, das ist mir bewusst. Aber davor darf man nicht kapitulieren. Musik ist ja immer etwas Subjektives." Der Musiker bemüht sich, historische Treue mit musikalischer Lebendigkeit zu verbinden. "Man weiß natürlich nie genau, wie die alten Instrumente damals klangen. Streichinstrumente reifen über die Jahre wie guter Wein. Blasinstrumente leiden hingegen unter dem Alter: Nachgebaute Posaunen, Fagotts oder Zinken klingen originalgetreuer als wirklich alte."

In erster Linie geht es Savall aber um die musikalische Botschaft: "Die Musik des 17. Jahrhunderts hat immer eine spirituelle Dimension. Sie sollte die Menschen die Misere ihres täglichen Lebens vergessen lassen, ihnen Hoffnung geben oder sie zum Gebet oder zum Dialog mit Gott anregen. Schaffen wir es, unserem Publikum diese Spiritualität zu vermitteln, ist das ein sehr beglückendes Erlebnis."

Weniger beglückend sind für Savall die Rahmenbedingungen für die Musiker. "Alte Instrumente zu kaufen und zu erhalten ist sehr kostspielig. Auch die Grundlagenarbeit ist zeitintensiv und teuer. Leider fehlt dem spanischen Staat das Bewusstsein, dass es sich um ein wichtiges Kulturgut handelt. Die Förderungen sind daher viel zu gering."

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