Der Countertenor Andreas Scholl singt am Freitag im Konzerthaus über Arkadien, das Land der Sehnsucht.
Um Liebesleid, Hirtenro mantik, einsame Wälder und wilde Tiere geht es auf Andreas Scholls jüngster CD "Arcadia". Teile daraus, nämlich Kantaten von Francesco Gasparini und Benedetto Marcello wird er am Freitag im Rahmen der "Resonanzen" singen. Die Idee, sich mit diesen bisher nicht eingespielten Komponisten zu beschäftigen, kam von Scholl selbst: "Ich hatte viel über die Templer und andere Geheimgesellschaften gelesen. Außerdem fesselte mich Poussins' Bild "Et Arcadia ego", das im Louvre hängt. Auch Poussin war Mitglied einer Geheimgesellschaft. Über eine Arie von Händel kam ich dann zur Accademia Arcadia, die ebenfalls eine Geheimgesellschaft war: Eine Gruppe von Komponisten Anfang 20 - darunter Gasparini und Marcello - traf sich in einem Garten außerhalb Roms. Dort musizierten sie im Geheimen, unter anderem um dem vatikanischen Opernverbot zu entgehen."
Ein persönlicher Spleen Scholls also, die Geheimgesellschaften? In einigen CD-Rezensionen klingt an, dass es sich bei den Werken der Accademia um bloßes "Easy-Listening" handeln würde. Scholl: "Es stimmt, die Komponisten waren sehr jung. Ich glaube aber nicht, dass man daraus auf mangelnde Reife schließen kann. Die Kantaten der Arkadier transportieren eine Leichtigkeit und enthalten zum Teil ein hohes Wiedererkennungselement. Vom kompositorischen Gesichtspunkt sind sie aber durchaus raffiniert - die Komponisten probierten neue Stilelemente aus, die noch nicht Standard waren."
Kann Scholl sich selbst mit dem Lebensgefühl der Arkadier - dem müßigen Treiben der Hirten und Schäferinnen - identifizieren? "An sich geht es um Gefühle, die für jeden nachvollziehbar sind - um Sehnsucht und den Rückzug in die Natur. Persönlich halte ich aber nichts von der Theorie, dass man gewisse Lebenssituationen abrufen können muss, um darüber singen zu können. Das halte ich eher für gefährlich. Denn sehr oft muss ich im Konzert nach traurigen Kantaten etwas Fröhliches singen. Wenn man sich emotional zu sehr hineinziehen lässt, schafft man den Übergang nicht. Ein Schauspieler muss auch nicht gemordet haben, um glaubwürdig einen Mörder spielen zu können."
Gibt es eine Botschaft, die Andreas Scholl mit seiner Musik vermitteln möchte? "Als Moralapostel oder Weltverbesserer sehe ich mich nicht. Aber ich bin überzeugt davon, dass in jedem Menschen ein bisschen göttlicher Schöpfergeist steckt. Dieser kann positiv oder negativ genutzt werden: Der Schöpfergeist hat Bachs h-moll- Messe entstehen lassen, aber auch die Atombombe. Ein Konzert ist für mich ein Ritual, in dem der göttliche Funke des Menschen stimuliert wird. Gelingt es mir, dass meine Zuhörer nach dem Konzert in einer anderen emotionalen Verfassung sind als davor und vielleicht ein bisschen mehr über sich selbst erfahren haben, bin ich glücklich. Es macht mich aber auch schon zufrieden, wenn ein Manager, der gestresst ins Konzert kommt, danach entspannter ist und den Taxifahrer freundlicher behandelt."
Merkt es der Countertenor, ob seine Musik das Publikum erreicht? "Ich kann es zwar nicht erklären, aber ich spüre die Stimmung, die im Publikum herrscht. Besonders toll ist die Atmosphäre, wenn im Auditorium Menschen sitzen, die auf Barockmusik eingestimmt sind. Das ist regelmäßig im Wiener Konzerthaus, in der Wigmore Hall in London und im Concertgebouw Amsterdam der Fall."
Hat Scholl Vorbilder? "Ja, meinen Lehrer James Bowman. Er ist nicht nur ein großartiger Sänger, sondern auch ein toller Mensch."