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Jubiläum: Der ewige Klang-Revoluzzer

Nikolaus Harnoncourt feiert, kein bisschen müde geworden, seinen 75. Geburtstag. Über die Weltkarriere aus Unbequemlichkeit.

U
nlängst hat ihm eine Gruppe von Hornisten eine CD geschickt - und er bedankte sich nicht nur in freundlichen Worten, sondern sagte den Musikanten auch auf den Kopf zu, welche Instrumente sie in welcher Weise für diese Aufnahme verwendet hatten. So etwas hört er. Weil er alles hört. Orchestermusiker können ein Lied davon singen, wenn sie mit ihm gearbeitet haben: Nikolaus Harnoncourt, selbst vom Solocellisten zum Dirigenten geworden, zählt zu den strengsten Vertretern seiner Zunft. Und er kann von sich behaupten, die Interpretationsgeschichte revolutioniert zu haben. Wer kann das sonst noch in unseren Tagen?

Es hat lange gedauert, bis sich international herumgesprochen hat, dass da in Wien ein Ausnahmemusiker am Werk ist, der mit seinem Ensemble, dem Concentus musicus, die Musikgeschichte durchforstet und Dinge zum Klingen bringt, die in unseren Tagen jedenfalls noch niemand je gehört hat - nicht nur in Sachen frühbarocker und noch älterer Musik, die er aus Archiven regelrecht ausgegraben hat. Auch bei Bach, bei Händel, bei Vivaldi, später dann bei Mozart und Beethoven klang plötzlich alles anders als gewohnt. Denn man verwendete Originalinstrumente, versuchte zu musizieren, wie das in den Tagen der Entstehung dieser Musik üblich war.

Für viele tat sich da eine Welt auf. Die Taten des Harnoncourt mit seinem Concentus waren - im Verein vielleicht mit dem einen oder anderen gleich gearteten Versuch in England - der Auslöser für eine regelrechte Umwertung aller Klangwerte. Mit der Veränderung unserer Hörgewohnheiten, die Harnoncourt auch in Sachen Tempofühligkeit beeinflusst hat, ging eine zuvor unvorstellbare Popularisierung der Barockmusik einher. Dass Festivals wie die vom Konzerthaus veranstalteten "Resonanzen" heute die magische Anziehungskraft einer Pop-Veranstaltung haben, geht auf sein Konto.

Als er in Zürich begann, im Verein mit Jean-Pierre Ponnelle den Zyklus der Monteverdi-Opern auf die Bühne zu bringen, begann auch der Aufstieg des Musiktheater-Dirigenten Harnoncourt. Dass er einmal in die Fußstapfen eines Herbert von Karajan treten würde, von dem man stets behauptet hatte, er wäre sozusagen der künstlerische Gegenpol, hätte niemand zu denken gewagt. Doch ist heute der Name Harnoncourt mindestens eine solche Marke geworden wie der des Salzburger Pendants. Wer die Styriarte besucht, erlebt, dass nun Harnoncourts aus allen Wäsche- und Fleischgeschäften blickt wie einst das Karajanische Konterfei in Salzburger Landen.

Da haben sich die Werte gewandelt. Harnoncourts Repertoire hat sich bis in die Regionen des 20. Jahrhunderts erweitert. Längst dirigiert er Brahms und Bruckner - selbstverständlich erläutert er bei Letzterem genau, welche Fragmente vom Finale der Neunten vorhanden sind und was davon zu halten ist. Präzis war er immer, und das Publikum hängt an seinen Lippen, wenn er über Musik und deren innere Zusammenhänge redet.

Nicht alle haben ihm verziehen, dass mit seiner Landnahme zumindest auf Zeit die romantische Spieltradition bei Werken von Mozart oder Beethoven völlig geächtet wurde. Manch ruppige Wiedergabe wohlbekannt geglaubter Stücke hat er selbst wieder liebevoll korrigiert - denn eines ist er nie: doktrinär. Auch wenn es manchmal so scheinen mag, gibt sich Harnoncourt des Öfteren kompromissbereit, jedenfalls spontan, weil er Musiker aus Leidenschaft geblieben ist. Das macht ihn faszinierend und lässt ahnen, warum er Regisseuren gestattet, gar nicht originalgetreu, oft sehr gegen das Libretto zu inszenieren, obwohl er im gleichen Augenblick versucht, den Buchstaben der Partitur getreulich zu befolgen.

Zum 75er gibt es nun sogar eine eigene Web-Seite: www.harnoncourt.info - das jüngste Originalinstrument, sozusagen.