Gastkommentar

Kušejs Abschiedsgabe an „die braune Brut“: Keine Ironie

Die Flutung des öffentlichen Raums mit Nazisymbolik ist kein kritischer Akt. Gedanken zur Doggen-Beflaggung am Burgtheater.

Vor ein paar Tagen überfiel mich bei einem abendlichen Spaziergang die nun wieder veränderte Fassade des Burgtheaters. Rund um die dem Ring zugewandte Stirnseite des Gebäudes wehten rote Banner mit einem weißem Kreis. In dessen Mitte war aber – anders als bei der zitierten Vorlage – kein Hakenkreuz, sondern der schwarze Kopf einer Dogge positioniert. Von einem großen Bildschirm leuchtete das Gesicht der als Hitler verkleideten Schauspielerin Bibiana Beglau.

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Inszeniert hat diesen Anblick der österreichische Aktionskünstler Wolfgang Flatz. Im Foyer des Theaters werden noch bis Ende Mai unter dem Titel „Hitler, ein Hundeleben“ Fotografien seiner Dogge „Hitler“ aus den 1990er-Jahren gezeigt. Im Theatersaal wurde am 6. April sein Programm „Perlenrede“ gegeben, dessen Titel auf die bekannte Rede Hitlers anspielt, die er im Rathaus gegenüber der Burg hielt. Das Stück habe ich nicht gesehen, so erlaube ich mir darüber kein Urteil. Dort aber, wo das Theater mit einem solch gewaltigen Potenzial in den Außenraum wirkt, muss auch dieser Teil einer kritischen Betrachtung standhalten.

Auf der Website der Burg wird festgehalten, dass die entsprechenden „Zeichen und Rhetoriken“ „entzaubert“ und „der Lächerlichkeit preisgegeben“ werden. Allein diese beiden Zuschreibungen sind in sich widersprüchlich. Nur etwas Zauberhaftes oder Verzauberndes kann entzaubert werden. Gehen wir davon aus, dass Flatz kein vom Nationalsozialismus Verzauberter ist, so liegt, auch im Kontext der Perlenrede, nahe, dass der Begriff geschichtlich zu verstehen ist. Dann aber ist der Begriff der Lächerlichkeit umso problematischer: Was genau ist lächerlich an den Zeichen und Rhetoriken, die für Millionen den Tod bedeutet haben? Auch wenn der Satz wohlwollender gelesen wird, ist ihm eine geradezu lächerliche Hybris nicht abzusprechen. Niemand wird an der so beflaggten Burg vorbeigehen und dadurch herausgefordert sein, die eigenen politischen Überzeugungen zu hinterfragen. Das soll nicht heißen, dass ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen nicht trotzdem lohnenswert sein kann. Hier aber entlarvt sich ein Charakter der Selbstüberhöhung, für den Hitler die ideale Projektionsfläche bietet.

Besonders überflüssig in einem Land mit der Geschichte Österreichs

Die Überladung des öffentlichen Raums mit nationalsozialistischer Symbolik ist weder ein kritischer Akt noch einer mit aufdeckerischem Potenzial. Besonders überflüssig scheint er in einer Stadt, deren öffentlicher Raum ohnehin von Eingriffen nationalsozialistischer Kultur- und Städtebaupolitik durchzogen ist. Der Versuch der kritischen Brechung reduziert sich auf kleine Eingriffe wie den Austausch des Hakenkreuzes durch das Profil Flatz’ „reinrassiger Deutscher Dogge“. Die Wirkmacht, auf die sich die Inszenierung verlässt, stammt aber aus den Reichspropagandaschmieden. Die Affirmation faschistischer und nationalsozialistischer Bildsprache hat in der bildenden und Performance-Kunst eine lange Tradition. Dahinter stehen sehr unterschiedliche Zugänge und Biografien – von den klugen und aufmerksamen Untersuchungen des nationalsozialistischen Körperideals durch Erez Israeli bis zur Wiederverwertung nationalsozialistischer Symbolik in den Arbeiten von Georg Baselitz und Jonathan Meese; von den Inszenierungen der Burschenschaft Hysteria zu den Konzerten der Band Laibach. Über Letztere schrieb Slavoj Žižek, die Annahme sei irrig, dass eine ironische Haltung einer Subversion des ironisierten Subjekts gleichkomme, wie auch eine ernste Haltung nicht Konformität bedeute. Wirkliche Subversion bedeute nicht ironische Distanz, sondern, das System ernst zu nehmen. Flatz versucht den umgekehrten Weg: Der von der Burg veröffentlichte Text betont seinen ironischen Zugang, und ein Pressetext zur Ausstellung seiner Hundebilder im Stadthaus Ulm sieht in Flatz’ Hitler-Obsession gar in einem an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Missverständnis „jüdischen Witz“.

Die Einkleidung der Burg geschah just, als Angehörige von Geiseln des 7. Oktober für eine Demonstration zum Halbjahrestag am 7. April in Wien waren. Und in einer Zeit, in der Überlebende von Shoa und Porajmos noch in dieser Stadt wohnen und daran vorbeigehen müssen. Jene, die sich die Haltung ironisierender Distanz nicht leisten können, wurden offensichtlich nicht bedacht. Aber auch die Distanzierung selbst muss hinterfragt werden. In einer postnazistischen Gesellschaft ist sie immer auch eine Form der Schuldabwehr. Qualifiziert allein seine erklärt antinazistische Haltung Wolfgang Flatz dazu, diese Zeichen reproduzieren zu dürfen, während es anderen untersagt bleibt? Gewiss würde die Burg keinem selbst erklärten Feministen, der Misogynie durch Reproduktion zu persiflieren sucht, eine solche Bühne bieten, noch einem selbst identifizierten weißen Antirassisten die Lizenz erteilen, in vorgeblich kritischer Absicht Minstrel Shows zu reenacten. Hier wurde seitens der Verantwortlichen offenbar eine andere Wertung vorgenommen. Der scheidende Burg-Intendant, Martin Kušej, sagte dazu, Flatz sei sein Abschiedsgeschenk an die braune Brut in Wien. Die Ironie daran ist, dass darin keine Ironie ist.

Der Autor:

Benjamin Kaufmann (* 1991) ist Schriftsteller und ehemaliger Präsident der österreichischen Sektion der Licra – Ligue internationale contre le racisme et l‘antisémitisme.

Marina Sula.

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