Der Todestag des Dirigenten Wilhelm Furtwängler jährt sich zum 50. Mal. Wiens Karajan-Center widmete ihm eine Veranstaltungsreihe.
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eine Dirigier-Technik war unkonven tionell: Kein übliches Taktschlagen, sondern expressive Gestik und errati sche Handbewegungen vermittelten den Musikern seinen Willen. Werktreue war ihm fern und Tempo-Angaben hatten für Wilhelm Furtwängler keine Bedeutung: "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige", meinte er. Dass er grundsätzlich (zu) langsame Tempi bevorzugte, stimmt nicht - ein Geheimnis seiner Zeitgestaltung war der Wechsel von Raffungen zu Dehnungen.
Furtwängler war besessen, den Geist eines Musikstücks zu erfassen - und erreichte damit eine Intensität des Ausdrucks wie kaum ein anderer Dirigent. Seine Interpretationen von Bruckners V. Sinfonie oder von Wagners "Tristan und Isolde" haben Musikgeschichte geschrieben, die Tondokumente davon zählen noch immer zu den Referenz-Aufnahmen dieser Werke.
Bis heute unklar ist allerdings, welche Rolle Furtwängler im NS-Regime spielte. War er Hitlers "Zeremonienmeister", war er Opportunist oder wurde er einfach als Aushängeschild missbraucht? Furtwängler dirigierte 1942 das Fest-Konzert zu Hitlers Geburtstag (nicht ganz freiwillig), er leitete im Auftrag der Partei Konzerte zur Erbauung der deutschen Arbeiter, stand auf Goebbels Liste der "gottbegnadeten" Künstler (neben den Komponisten Richard Strauss und Hans Pfitzner als einziger Musiker) gab aber auch bei vielen Gelegenheiten dem Regime Kontra: Indem er sich weigerte, in Wien in einer mit Hakenkreuz geschmückten Halle zu dirigieren, indem er als Direktor der Berliner Staatsoper zurücktrat, als 1934 die Aufführung von Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" verboten wurde.
Der Hauptvorwurf, der Furtwängler von zahlreichen Seiten gemacht wurde (und wird), ist, dass er Deutschland nicht verlassen hat - wie Thomas Mann oder Erich Kleiber. Durch seine Anwesenheit habe er dazu beigetragen, "die Welt und die Deutschen davon zu überzeugen, dass Deutschland noch immer eine große Kulturnation war, trotz Bücherverbrennungen und Konzentrationslagern", schrieb der Londoner Historiker Richard J. Evans 1992 im Times Literary Supplement. Er habe sich zum "Lakaien Hitlers", zum "Kapellmeister des Teufels" (so der Titel einer Biografie von Sam Shirakawas) machen lassen.
Vielleicht hat Furtwängler aber gerade durch sein Bleiben vielen geholfen. Die zum Widerstand gehörende Marion Gräfin Dönhoff bekannte, dass sie nie mehr nach 1945 Musik so sehr als Botschaft empfunden habe wie bei ihren Besuchen der von Furtwängler dirigierten Konzerte in der Berliner Philharmonie während der Nazizeit: "Und so ging es gewiss Ungezählten anderen auch. Kunst ist die einzige Gegenkraft gegen eine brutale, pervertierte Welt. Aus ihr schöpfen die zur Opposition Entschlossenen Kraft und Überzeugung."
Reinhold Brinkmann, Musikwissenschaftler, meint, in Furtwänglers Musizieren gar eine Form von Widerstand gegen das Regime zu erkennen. Im Dokumentarfilm "Sehnsucht nach Deutschland" kommentiert er das von Furtwängler geleitete Festkonzert zu Hitlers Geburtstag: "Furtwängler hat den großen Triumph in Beethovens IX. Sinfonie nicht wie einen Triumph, sondern wie eine große Katastrophe dirigiert." Hat Furtwängler die Verantwortung als einer der größten Künstler seiner Zeit wahrgenommen? Oder hat er als Mitläufer vom NS-Regime profitiert? Diese Fragen werden sich nicht endgültig beantworten lassen. Bis 30. 6. kann man im Karajan-Centrum mehr über den Dirigenten erfahren: Zum 50. Todestag gibt es einen "Fokus-Furtwängler" mit Diskussionen und Filmvorführungen.
Termine (Beginn jeweils 18 Uhr): 28. 6. Don Giovanni, 29. 6. Sehnsucht nach Deutschland, 30. 6. Furtwänglers Liebe.