Vergessene Musiker: Lied nach Joyce, Hymne für Joy

Der Orpheus Trust präsentierte am Montag im Wiener Musikverein ein Portrait des vertriebenen Komponisten Kurt Roger.

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as Kurt Roger mit James Joyce verbindet? Kammermusik und die Liebe zu Irland. "Kammer musik" - so heißt der erste und einzige Gedichtzyklus von James Joyce, Roger hat nicht nur eine Reihe von Kammermusikstücken geschrieben, sondern auch ein Gedicht von Joyce vertont: "Strings in the earth and air". Ganz anders als die Lieder der meisten anderen Exil-Komponisten - wie Egon Wellesz, Alexander Zemlinsky oder Karl Weigl musste Kurt Roger 1938 emigrieren - ist es nicht schwermütig oder elegisch, sondern voll Vitalität: eine Hymne auf das Leben in Irland. Dort hatte der Musiker, während er auf sein Visum für die USA wartete, sein Frau Joy kennen gelernt.

Roger, dessen umfassendes Werk (Kammermusik, Lieder, Konzerte, Orchester- und Chorwerke sowie eine Oper) lange im Schatten der Neuen Wiener Schule stand - ein Schicksal, das er mit Hans Gàl oder Ernst Krenek teilte - geriet nach seiner erzwungenen Auswanderung hierzulande vollständig in Vergessenheit.

Am Montag waren vier Kompositionen Rogers sowie je eine seines Lehrers Karl Weigl und seines Schülers Erwin Weiss (beide mussten 1938 ebenfalls auswandern) im Musikverein neu zu entdecken - bei einem Benefizkonzert zugunsten des Orpheus Trust. Dieser gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Leben und Werk von vertriebenen oder im KZ getöteten Komponisten zu dokumentieren und für die Wiederaufführung von vergessenen Werken zu sorgen. Wie das Konzert im Gläsernen Saal des Musikvereins zeigte, mit Erfolg: Den größten der neuen Säle mit einem fast unbekannten Komponisten zumindest zu zwei Drittel zu füllen zeugt schon von außergewöhnlichem Engagement.

Musikalisch beeindruckte vor allem das Lieder-Tryptichon: Mit großem Einfühlungsvermögen und entsprechender vokaler Interpretation sang Adrian Eröd Karl Weigls "The refugee", Erwin Weiss' "Sommer des Gefangenen", Kurt Rogers "Strings in the earth and air". Spannend auch Rogers zweites Streichquartett - vom Hugo Wolf Quartett mit viel Verve interpretiert.

Claus-Christian Schuster, Pianist des Altenberg-Trios, lieferte die Hintergründe zu den einzelnen Stücken: dass Rogers zweites Streichquartett auf Schopenhauers Gedicht über die sistinische Madonna beruht, konnte man da erfahren.

Primavera Gruber, Leiterin des Orpheus Trust, ist vom Engagement der Musiker begeistert: "Das waren ja durchwegs Erst-Einstudierungen. Die kosten sehr viel Zeit, und wir sind sehr dankbar, dass sich die Musiker so viel Zeit genommen haben - nur für einen Abend. Denn leider gibt es noch viel zu wenige andere Veranstalter, die solche Werke auf das Programm setzten. Wir bemühen uns natürlich immer wieder, Konzerte zu organisieren. Doch unsere Finanzen sind leider sehr beschränkt." 27.000 Euro bekommt der Orpheus Trust jährlich vom Bund, 73.000 Euro von der Stadt Wien. "Wir bräuchten jährlich rund 400.000 Euro, ein Viertel davon könnten wir selbst aufbringen. Mit unserem jetzigen Budget können wir leider viele Dinge nicht machen."

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