Im Burgtheater hat man erstmals "Die Macht der Gewohnheit" aufgeführt. Thomas Bernhard wird gekonnt, wenn auch opulent gespielt.
Wann ist ein Regisseur geschwät zig? Dazu braucht es nicht viel. Es genügt, wenn er, wie Philip Tiedemann, der schönen, dreisätzigen Form von Bernhards Komödie ein kleines Vorspiel hinzufügt: Der Vorhang hebt sich, ein Seil ist fast ganz oben über die Bühne gespannt, eine Artistin, von der man nur die Beine sieht, bewegt sich bis zur Mitte, verliert den Halt, schreit, wird hochgezogen. Jetzt weiß es jeder bis in den höchsten Rang. Wir sind im Zirkus, da ist es gefährlich, man kann abstürzen, auch wenn die sechs Akteure uns vormachen, dass sie nur ein Musikstück proben - das Forellenquintett. Quintett? Sechs Personen? Ach ja, dem Stück wurde neben Zirkusdirektor Caribaldi (Ignaz Kirchner), seiner Enkelin (Maria Happel), dem Jongleur (Robert Meyer), dem Dompteur (Johannes Krisch) und dem Spaßmacher (Urs Hefti) auch noch ein ursprünglich nicht vorgesehener Steuermann (Willibald Mayerhofer) hinzugefügt, als ob man der sparsamen Kunst Bernhards nicht ganz vertraut und einen Piloten braucht, der das 1974 in Salzburg uraufgeführte Stück sicher ins 21. Jahrhundert bringt.
Eine gewisse Üppigkeit charakterisiert die Interpretation des strengen Werkes, das zeigt sich vor allem am Beginn. Nach Absturz und Himmelfahrt der Artistin wird ein seltsames Gefährt auf die Bühne (Etienne Pluss) gezogen. Erst sieht es von vorne aus wie die überdimensionierte Brust aus einem frühen Film Woody Allens, dann entpuppt es sich als Space-Shuttle, dem, quer gestellt, eine Seite abgesprengt wird. Schließlich parkt der futuristische Caravan des Zirkusdirektors vorne. Was will uns der Regisseur damit sagen? Dass Caribaldis zweitklassige Truppe, die sich vom Schaustellen nährt, nach den Sternen greift? Dass das Leben gelebt werden muss, ob man nun will oder nicht? Der anfängliche Zierrat ist rasch vergessen, denn schon mit den ersten Sätzen Caribaldis übernimmt die starke, beschwörende Sprache Bernhards das Kommando.
So viel Kraft, so viel Witz hat dieser Text, und wenn er von einer so ausgezeichneten Zirkus-Truppe wie der im Burgtheater gespielt wird, ist das eine Lust, die einen weinen macht. "Morgen Augsburg" heißt die Devise des Zirkusdirektors, der nach dem Höchsten, der vollendeten Aufführung des Forellenquintetts, strebt und kaum den ersten Bogenstrich auf dem Cello beherrscht. Aus Mangel an Können wird gestimmt und mit Kolophonium geprasst; das Komische ergibt sich aus dem Wissen um die Vergeblichkeit und dem herzlichen Wunsch, dass sich die Mitglieder des Ensembles ihrem tyrannischen Direktor widersetzen.
Die Besatzung dieses Raumschiffes lockt gerade Mal zwei Dutzend Zuschauer in ihr Zelt, auf dieser Tournee irgendwo zwischen Theresienwiese, Augsburg oder Osnabrück. Und bei der Probe für das Quintett gibt es keinen Moment der Harmonie, sondern immer nur das Äußerste an Dissonanz in ständig neuen Formationen des Versagens.
Wie werden nun die Solisten aufeinander losgelassen? Kirchner spielt einen bitterbösen, machtversessenen Direktor, der die Kunst, das Höchste der Kunst, als Vorwand nimmt, um seine Mitwelt zu quälen. Manchmal ist er auch listig und verspielt, streicht mit dem Bogen sein Holzbein und träumt von Pablo Casals. Das aber lenkt nicht davon ab, dass Kirchner das Musikalische an Bernhards Text extrem konzentriert herausarbeitet. Meyer spielt den unterwürfigen, mit untauglichen Mitteln aufbegehrenden Jongleur als billiges Gegenstück, mit einem monströsen Putzfimmel. Er zeigt sich eine Spur zu komödiantisch. Auch Happel muss einen Tick pflegen. Grimassierend unterwirft sie sich dem Großvater, der sie zu grausamen Turnübungen zwingt, zu artigen Knicksen und anderen Verrenkungen. Ihr Akt der Befreiung: Sie bohrt mit dem Bogen in der Nase. Alleine Happels großartiges hysterisches Lachen ruft in Erinnerung, wie rettungslos verloren dieses Stück uns fühlen lassen soll. Ganz auf komödiantische Effekte sind Krisch als lädierter, beschränkter, versoffener, spuckender Dompteur und Urs Hefti als melancholischer Kasperl aus, der vorzüglich Rettiche apportiert und Bierflaschen serviert. Die beiden Darsteller sind am weitesten entfernt von kargen früheren Interpretationen Bernhards, und wirken dadurch auch nicht sehr harmonisch. Sie sind aber nicht abgestürzt.
Es muss gespielt werden! Das Kolophonium fliegt. Die Bögen kratzen. Schließlich kriegt der Direktor sein Forellenquintett, zumindest ein paar Takte, über Kopfhörer, in einer fast perfekten Einspielung. Das ist ein schöner Moment in dieser gekonnten, wenngleich etwas gezierten Aufführung.