Musikwissenschaft: "Ach, von Mausard, wie göttlich!"

Mozart, ein Modekomponist? Wiener Musikwissenschaftler erforschen, was seine Zeitgenossen von ihm hielten.

Dass Mozarts Nachruhm seine Anerkennung zu Lebzeiten weit überragt, ist nichts Neues. Wie es zu diesem Sinneswandel gekommen ist, ist hingegen noch wenig erforscht. Gernot Gruber und Rainer Schwob vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien wollen nun mehr Licht auf eine wichtige Phase der Mozart-Rezeption zu werfen: Sie versuchen, seine Entwicklung vom interessanten Außenseiter zum anerkannten Genie anhand von Zeitungsberichten nachzuvollziehen. Das vom Wissenschaftsfonds unterstützte Projekt soll zu Beginn des Mozartjahres 2006 abgeschlossen sein. Ziel ist eine knapp kommentierte, zweibändige Edition der Artikel, die bis zirka 1830 über Mozart geschrieben wurden.

Wie Mozart von seinen Zeitgenossen und nach seinem Tod wahrgenommen wurde, darüber geben in erster Linie Konzert- und Opernkritiken sowie Werkbesprechungen zu Notenpublikationen Auskunft. Aber auch in ästhetischen Essays, Anekdoten und Leserbriefen finden sich Kommentare zu Mozarts musikalischer oder stilistischer Entwicklung. Die Wissenschaftler durchforsten allgemeine Periodika und Musikzeitschriften, teils im Original, teils auf Mikrofiche. Das klingt nach Knochenarbeit. "Ist es auch," meint Rainer Schwob, "doch interessante Details und amüsante Aperçus entschädigen für tagelanges Stöbern." So wird im "Journal des Luxus und der Moden" (1793) Mozart mehrfach als Inbegriff eines Modekomponisten dargestellt: "Bei weitem der größte Teil von denen, die ihn gar nicht verstehen und fassen können, französisieren den Namen und rufen in Extase aus: Ach, von Mausard; wie göttlich! Aber dieser Beifall ist nicht rein, kömmt nicht so unverfälscht aus dem Herzen, wie jener den man Dittersdorf zollt."

Mozart, ein Modekomponist? Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Doch in den letzten zehn Jahren seines Lebens - aus heutiger Sicht die Periode der größten stilistischen Entwicklung und der wichtigsten Hauptwerke - wurde Mozart stark kritisiert.

"Offenbar führte der zu hohe Anspruch seiner Werke zu Unverständnis und zu Missverständnissen", so Projektleiter Gernot Gruber. Der wahre "Star" der Zeit war Joseph Haydn. Doch auch Carl Philipp Emmanuel Bach oder Johann Adolph Hasse wurden - im Gegensatz zu Mozart - als "bleibende Größen" bezeichnet. Die Trendwende kam um 1800. Johann Friedrich Rochlitz, Redakteur der einflussreichen Leipziger "Allgemeinen musikalischen Zeitung", begann mit einem "Propagandafeldzug" für Mozart. Wie Gruber vermutet, standen hinter dieser Kampagne nicht nur hehre Ziele: "Es ging wohl darum, den Absatz von Mozart-Notenausgaben im Verlag Breitkopf & Härtel - dem Mutterverlag der "Allgemeinen musikalischen Zeitung" - anzukurbeln". Einen weiteren Grund für die beginnende Mozart-Renaissance ortet Gruber im aufkeimenden Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Mozart wird nun zum Inbegriff eines "deutschen" Komponisten, der die deutsche Musik gegen die übermächtige italienische verteidigt hatte. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Aufführungspraxis. Mozarts italienische Opern wurden damals fast nur in deutscher Sprache aufgeführt: als "Titus der Gütige" oder "Eine macht's wie die andere." Durch das Übersetzen litt zwar die Qualität der Libretti, der Bekanntheitsgrad Mozart steigerte sich aber beständig.

Wahre Begeisterungsstürme finden sich in der Wiener "Allgemeinen musikalischen Zeitung" von 1813: "Mozart! Mozart! ist das Losungswort der Wiener musikalischen Welt. Der Wiener ist stolz diesen musikalischen Schiller sein Eigentum nennen zu können, und würde diesen Zufall nicht mit dem Besitz aller gegenwärtigen Komponisten vertauschen wollen."

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