Joseph Haydn hat 425 schottische Volkslieder komponiert. Das Haydn-Trio Eisenstadt arbeitet nun an der ersten Gesamtaufnahme.
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ine Sammlung aller hervorragenden sowohl traurigen als auch lustigen, aber keiner oberflächlichen und minderwertigen Volkslieder" wollte der schottische Verleger und Hobbymusiker George Thomson herausgeben. Zu diesem Zweck beauftragte er Joseph Haydn, Ignaz Pleyel, Leopold Kozeluch, Ludwig van Beethoven, Johann Nepomuk Hummel und Carl Maria von Weber mit der Komposition von Arrangements für seine "Sammlung original schottischer Lieder". Außerdem lud er die berühmtesten schottischen Dichter - darunter Robert Burns und Walter Scott - ein, neue Strophen zu schreiben.
"Im Lauf von 50 Jahren hat Thomson in drei Sammlungen (schottisch, walisisch, irisch) - über 600 Lieder herausgegeben. Für 208 hat Haydn komponiert", sagt Marjorie Rycroft, Musikwissenschaftlerin an der Uni Glasgow. Doch nicht nur für Thomson, auch für William Napier und William Whyte hat Haydn komponiert - insgesamt 425 Schottische Lieder. Rycroft hat die Original-Noten, die lange unzugänglich waren, vor zwei Jahren herausgegeben: "Thomson hat die ihm von Haydn zugesandten Noten sorgfältig überprüft und nicht nur Fehler des Kopisten ausgebessert, sondern auch Passagen geändert, wenn sie ihm zu schwierig für Hobbymusiker schienen."
Ein Vortrag bei den Haydn-Tagen in Eisenstadt machte Harald Kosik, Pianist des Haydn-Trios, auf die "Schottischen Lieder" aufmerksam. "Ich dachte damals, dass es nur 13 davon gibt, denn mehr gab es nicht zu kaufen. Nach dem Vortrag ging ich zu Rycroft und erzählte ihr, dass wir planen, sämtliche Haydn-Lieder aufzuführen. Da war sie etwas perplex und sagte: Alle 425?"
Rycroft stellte den Kontakt zwischen dem Haydn-Trio und den schottischen Sängern Lorna Anderson und Jamie Mac Dougall her. "Wir begannen mit einer Konzertreise durch England und Schottland", erzählt Kosik: "Das Publikum reagierte begeistert auf die Lieder. Und so entschlossen wir uns, alle 425 Haydn-Lieder auf 17 CDs einzuspielen, bis zum 1. 1. 2009 - Haydns 200. Todestag - soll das vom österreichischen Kulturinstitut in England unterstützte Projekt abgeschlossen sein."
Die erste CD enthält nur Lieder aus der Thomson-Sammlung, über Rinderdiebe, Geisternächte und vor allem die Liebe, die Texte sind hauptsächlich gälisch. "Das ist mit ein Grund, wieso es bis jetzt keine Gesamtaufnahme gibt und wieso die Lieder selten in Konzerten aufgeführt werden. Das Gälische spricht man ganz anders aus als das Englische, manche Passagen sind auch inhaltlich nicht zu verstehen. So sind wir sehr froh, dass wir mit schottischen Sängern zusammenarbeiten." Bei der Arbeit kam es immer wieder zu Überraschungen. "Bei einer Passage stand ,andante amoroso', ich habe sie daher sehr lieblich gespielt. Jamie sagte mir dann, dass das Lied von einem blutrünstigen Mord handelt - da hab' ich meinen Zugang natürlich geändert."
Doch auch mit anderen Zwischenfällen waren die Musiker konfrontiert. "Wir haben einen genauen Zeitplan für die Aufnahmen, Lorna und Jamie reisen ja immer eigens an. Einmal haben wir aber vergessen, die Wein-lese ins Kalkül zu ziehen. Im Schloss Esterhazy - wo wir freundlicherweise die CDs einspielen dürfen - wurden Weinflaschen abgefüllt. Das hat so einen Lärm gemacht, dass wir nicht aufnehmen konnten."
Haydn-Spezialist Kosik ist von der Qualität der Lieder beeindruckt: "Haydn hat jedes erstklassig komponiert, kein Lied ist einfach schnell hingeschrieben. Aber da viele große Komponisten seiner Zeit daran mitwirkten, war es für Haydn auch ein Prestigeprojekt." Rycroft ergänzt: "Obwohl Haydn weder Titel noch Text der Lieder kannte - er bekam nur die Melodien zugeschickt - zeigte er ein tiefes Verständnis für den Charakter der schottischen Melodien. Vielleicht, weil er durch seine England-Reisen die Mentalität ganz gut kannte."
Joseph Haydn: Scottish Songs, Volume 1, Haydn Trio, Lorna Anderson, Jamie Mac Dougall (Brilliant Classics).