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„Alles Lied“-Festival im Außerfern: Wenn alles wie im Flow passiert

Leah Maria Huber (l.), David Kerber und Miriam Reinstadler.
Leah Maria Huber (l.), David Kerber und Miriam Reinstadler.Michael Kristen
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Er begann bei den Wiltener Sängerknaben, gehört heute der Wiener Volksoper an: Nachwuchstenor David Kerber hat sich gemeinsam mit Leah Maria Huber und Miriam Reinstadler ganz dem Lied verschrieben – und widmet ihm im Tiroler Außerfern ein kleines Festival.

Breitenwang. 1600 Einwohner. „Gar nicht so winzig“, erklärt Miriam Reinstadler, „aber halt doch ziemlich abgeschottet.“ Nicht umsonst spricht man in Tirol vom Außerfern, was laut gängiger Interpretation in etwa so viel heißt wie „über den Fernpass drüber“.

Ziemlich fernab vom ganzen Innertiroler Kulturgeschehen sei die Region jedenfalls. Kulturell hänge sie fast eher an Süddeutschland, „Neuschwanstein ist relativ nahe, Kempten, Füssen, das Südallgäu“. Aber gerade was die Musik angehe, sei die Gegend „ziemlich ausgedörrt“.

Geigerin Miriam Reinstadler ist hier aufgewachsen, nur zwei Häuser vom Ort des Geschehens, dem örtlichen Veranstaltungszentrum mitten im Grünen, entfernt. Alles Lied, heißt das Festival, das sie hier gemeinsam mit David Kerber und Leah Maria Huber auf die Beine stellt.

Zu dessen Vorgeschichte muss man freilich ein klein wenig ausholen. Geigerin und Medizinstudentin Leah Maria Huber stammt aus Südtirol, Tenor David Kerber aus dem Tiroler Vomp, er lebt aber inzwischen in Wien, wo er dem Ensemble der Volksoper angehört. Kennengelernt haben sich die drei am Tiroler Landeskonservatorium. „Da gab es nach Corona einen Sommer, in dem alle viel Zeit hatten“, erinnert sich Kerber. „Wir haben uns im Saal des Konservatoriums eingesperrt und gesagt: ,Da bleiben wir jetzt, bis wir was Tolles hervorbringen.‘“

Weibliche Dichterliebe

Zum gemeinsamen Ausgangspunkt wurde damals Robert Schumanns „Dichterliebe“, jener Zyklus von Kunstliedern, der auf Gedichten von Heinrich Heine basiert. „Eine Erzählung über eine Liebesgeschichte aus männlicher Perspektive. Und wir haben es interessant gefunden, dem eine weibliche Perspektive hinzuzufügen.“ Kerber hat sich da schon mit Schumann beschäftigt gehabt. Und Huber, die auch als Lyrikern tätig ist, hat ihm Texte gezeigt, „und ich habe mir gedacht: Eigentlich klingt das wie die Antwort in der ,Dichterliebe‘.“ Weitere Texte schrieb Huber dann gezielt dafür.

Zunächst sei die Idee gewesen, „einen Dialog dieser zwei Erlebenden zu erschaffen. Und dann hat es angefangen zu wachsen und eigentlich nicht aufgehört, bis das Ganze durchkomponiert und auch noch inszeniert war. Und so haben wir einen kleinen, melodramatischen Theaterabend geschaffen. Diesen Abend haben wir in Breitenwang zum ersten Mal aufgeführt, und aus dem ist der Samen zu Alles Lied gesprossen. Das ist alles wie im Flow passiert.“

Konkret hatte „Der Dichter Liebe“, so heißt der Abend des Trios, so eingeschlagen, „dass wir für das nächste Jahr wieder eingeladen worden sind. Und wir haben dann in unserem Tatendrang gesagt, wir wollen dort etwas für die Leute vor Ort anbieten.“ Ziemlich schnell sei klar gewesen, „dass wir versuchen wollen, so viele Geschmäcker wie nur möglich abzuholen“. Und da mit ihnen das Kunstlied ohnehin schon vertreten war, „haben wir uns gedacht, dass wir damit eigentlich schon im idealen Genre sind. Denn egal in welchem Geschmack oder auch in welcher Zeit: Lieder sind immer gesungen worden.“

Vom Volkslied bis zum Singer-Songwriter-Titel

Alles Lied heißt nun das mehrtägige Festival. Drei Abende werden je einem Lieder-Genre gewidmet, vom Singer-Songwriting über das Kunst- bis zum Volkslied, am Abschlussabend kommen alle Liedgattungen zusammen, „und wenn man eine Einzelkarte zu einem der Abende gekauft hat, kauft man gleichzeitig den Eintritt für den Abschlussabend mit“. Der Gedanke: Der 17-Jährige, der sich den Singer-Songwriter-Abend von Saltbrennt angehört hat, „der kriegt an diesem Abend dann auch ein Volkslied in die Ohren geträufelt“. Zusammengehalten werde dieser letzte Abend – weil Frühling – vom Thema Natur. „Daran sieht man, wie interessant das eigentlich ist: Was genau ist Geschmack, und was ist die Zeit, in der bestimmte Musik entsteht. Und wie ähnlich dann aber doch das ist, worüber musiziert und gesungen wird.“

Sie genieße es, durch das Festival „einmal ein bisschen übergreifender tätig zu sein“, sagt Reinstadler, die als Geigerin auf Alte Musik spezialisiert ist (und die als Kind selbst viel gesungen hat). Huber kommt aus der Volksmusik, ist mit ihrer Familie im alpenländischen Bereich aktiv, „da spielt Volkslied natürlich eine große Rolle. Andererseits ist mein Zugang zum Lied einfach der Text.“

Start bei den

Und David Kerber? Er kam schon als Fünfjähriger zu den Wiltener Sängerknaben, wo er bis vor zwei Jahren Mitglied war. Der Innsbrucker Chor zählt zu den ältesten Knabenchören Europas, die Vorläufer der Wiener Sängerknaben wurden von Kaiser Maximilian I. einst mit Singknaben aus Wilten gegründet. Kerber war keine 14, als er erstmals bei den Salzburger Festspielen sang, er zählte zu den „Zukunftsstimmen“ Elīna Grančas, seit der Saison 2022/23 gehört er zum Volksopern-Ensemble.

„Ich habe als Kind angefangen, Opernsänger zu spielen“, scherzt er. „Das mache ich immer noch.“ Im März hatte er sein Debüt als Alfredo in der „Traviata“; zurzeit ist er als Froh im „Rheingold“ an der Staatsoper Stuttgart zu hören. „Die Oper ist auch irgendwie ein Lied, ein sehr langes, mit sehr vielen Menschen.“

Auf einen Blick

Alles Lied. Das länderübergreifende Festival findet vom 4. bis 12. Mai zum zweiten Mal in Breitenwang im Bezirk Reutte statt. An vier Abenden und mit einem Schulprojekt feiert man die verschiedenen Liedgattungen. Auftakt ist am 4. Mai mit einem Volksliedabend mit Teilnehmern des Alpenländischen Volksmusikwettbewerbs. alleslied.com

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