Gastkommentar

Ich arbeite für dich, aber von überall

(c) Peter Kufner
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Zumindest hybrides Arbeiten ist gekommen, um zu bleiben. Unabhängig davon, was sich Firmenchefinnen wünschen.

Es ist immer das Gleiche mit uns Menschen: Kaum ist etwas neu, überschätzen wir den Einfluss dieser neuen Errungenschaft und unterschätzen umgekehrt den langfristigen Impact, den die Sache haben wird. Zum Beispiel Social Media: von harmlosen Urlaubsfotos zu algorithmisch bevorzugter Empörung und Fake News. Oder seit Kurzem Homeoffice: vom Heilsbringer während der Corona-Pandemie zum Unheilsbringer für immer mehr Unternehmen. Aber der Reihe nach.

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Beginnen wir bei der Pandemie. Wir erinnern uns an die Lockdowns. Sie bedeuteten nicht nur den Zusammenbruch des Alltags, sondern auch der Arbeitsmodelle, wie wir sie bis dato gekannt, besser gesagt gelebt haben. Dezentrales, vernetztes Arbeiten, das technisch schon lang möglich war, war schlagartig die einzige Möglichkeit, wie Unternehmen Fortbestand haben konnten. Und sie hat sogar spürbare Vorteile gebracht: mehr Fokus, mehr Produktivität, freieres Arbeiten von zu Hause aus. Die Krise war der oft zitierte Beschleuniger, um Arbeitsweisen zu etablieren, die schon länger möglich, aber nicht nötig waren.

Dreiecksbeziehung Arbeit

Die aktuelle Diskussion rund um Herausforderungen mit Homeoffice greift aber so lang zu kurz, wie es „nur” um die Veränderung des Arbeitsortes geht, also den Workplace. Man muss ebenso die parallel stattfindende Veränderung der Arbeitskräfte (Workforce) sowie die Veränderung der Arbeit selber (Work) in einer sich gegenseitig beeinflussenden Dreiecksbeziehung denken. Arbeit wird weiter digitalisiert, automatisiert und zusehends mit künstlicher Intelligenz (KI) angereichert. Durch den Wandel der Arbeitskultur verändern sich das Verhältnis und die Bindung zwischen Unternehmen und Arbeiternehmer:innen. Außerdem reagiert eine neue Generation von Talenten auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt und stellt neue Ansprüche an den Arbeitgeber. Als dritte Komponente der Veränderungen wird das Büro weniger ein Ort des Abarbeitens, sondern mehr ein Ort des Austauschs sein.

Um diese drei Faktoren (Work, Workforce und Workplace) ein wenig in Relation zu stellen:

Laut einer Studie der TU Darmstadt sind 81 Prozent mit ihrer Arbeit zu Hause zufrieden, 57 Prozent sind mit ihrer Arbeit im Büro zufrieden. Jede/r Fünfte ist mit seiner Arbeit im Büro unzufrieden. Knapp ein Drittel der Arbeitnehmer:innen gibt an, im Büro an der Kippe zu einem Burn-out zu arbeiten, knapp ein Fünftel gibt das Gegenteil an und leidet dort an einem Bore-out. Nicht nur deswegen mutet es einigermaßen befremdlich an, was Arbeitgeber erzählen: Jede/r fünfte Vorstandschef wünscht sich binnen der nächsten drei Jahre alle Mitarbeiter:innen ins Büro zurück (KPMG-Umfrage). Aber es zeigt sich: 35 Prozent der Arbeitnehmer:innen wollen dauerhaft im Homeoffice arbeiten, 75 Prozent wollen hybride Arbeitsmodelle (PwC-Studie). Insgesamt wollen Beschäftigte 59 Prozent ihrer Zeit remote arbeiten (TU-Darmstadt-Studie).

Zumindest hybrides Arbeiten ist gekommen, um zu bleiben. Unabhängig davon, was sich Firmenchefs wünschen.

Und was wissen wir über den Faktor „Büro“ noch? 88 Prozent der Büroflächen werden traditionell (fest zugewiesener Arbeitsplatz) genutzt, nur 12 Prozent der Flächen sind mit flexiblen Arbeitsplatzkonzepten bespielt. Aktuell sind nach der Pandemie nur 40 Prozent der gesamten Büroflächen überhaupt ausgelastet (Deloitte-Studie).

Büros kosten, leere Büros auch!

Ich selbst bin Unternehmer. Ich glaube den Arbeitgebern nicht ganz, dass der Ruf zurück ins Büro hauptsächlich wegen des besseren Austauschs und der besseren Bindung zum Unternehmen erfolgt. Es geht auch um die Nutzung von bezahlter Infrastruktur und um das Geld, das mit den Büromieten vermeintlich zum Fenster hinausgeschmissen wird.

Hier einige Erfahrungen mit Homeoffice bzw. hybridem Arbeiten aus meinem eigenen, täglichen Berufsalltag: Als Kreativagentur begreifen wir uns als Destination, nicht als Location. Da wir in einem sich ständig ändernden Umfeld arbeiten, müssen auch wir uns als Agentur ständig anpassen. Deswegen ist es uns wichtig, die Performance von Präsenz zu trennen. Wir glauben nicht an höhere Produktivität durch Anwesenheit. Vielmehr sind wir davon überzeugt, dass Unternehmen, die von Anwesenheit abhängig sind, eher Probleme mit interner Kommunikation, Eigenverantwortung sowie veralteten Führungsprinzipien haben. Wir ermöglichen die volle Ausschöpfung sämtlicher Work-from-anywhere-Möglichkeiten innerhalb und außerhalb der EU. Unser Büro fasst weniger Arbeitsplätze, als wir Angestellte haben.

Dem liegt ein von uns gelebtes Prinzip der Kultur der Freiheit und Eigenverantwortung sowie der Innovation und Selbstdisziplin zugrunde. Uns hilft auch, den persönlichen Kontakt oder die Face Time stets gleichwertig zu behandeln und zu nutzen, egal ob in physischer Anwesenheit, per Videocall, per Chat oder per Telefon.

Weiters sind die Verschlankung der Bürokratie und die Beschleunigung der Entscheidungen über einfache, transparente Prozesse, klare Strukturen sowie einfache Tools und Dokumente nötig. Außerdem braucht es den gemeinsamen Willen im gesamten Unternehmen, diesen Veränderungen und Entwicklungen den nötigen Raum und die nötige Zeit zu geben, damit sie nachhaltig zu besseren Ergebnissen für alle führen.

Klar, wir sind ja eine Kreativagentur, in unserer Branche geht das leicht(er). Das kann man nicht mit anderen Kategorien und Unternehmen vergleichen. Was aber am Ende alle Arbeitergeber eint, ist das Streben nach unternehmerischem Erfolg, für den es auch erfolgreich umgesetzte Thesen braucht. Ein Beispiel: Wir haben vor etwa einem Jahr mit der Publicis Groupe aus Deutschland eine Agenturgemeinschaft gegründet, mit der wir remote und basierend auf Calls (ohne physische Treffen) grenzüberschreitend für den Gesamtetat von Magenta gepitcht und auch gewonnen haben. Wir machen mit unseren verschränkten Teams weiterhin remote und hybrid die Marken- und Produktkommunikation von Magenta in Österreich – und haben damit große und zählbare Erfolge gefeiert.

Hybrides Arbeiten ist ein integraler Bestandteil der modernen Arbeitswelt, der von Arbeitnehmern als unverhandelbarer Faktor begriffen wird. Es geht dabei auch um eine bessere Work-Life-Integration, eigentlich für alle. Arbeitgeber müssen ihre (veralteten) Sorgen über Kontroll- oder Kulturverlust ablegen. Es reicht auch nicht, Menschen in (veraltete) Büros zurückzubeordern, die den modernen Anforderungen von Work, Workforce und Workplace nicht standhalten.

Wir haben für uns beschlossen und auch bewiesen, dass Leistung und Erfolg unabhängig vom Ort sind. Klar, für jedes Unternehmen bedeutet das in der Umsetzung etwas anderes. Wichtig dabei ist zu akzeptieren, dass Mitarbeiter:innen ihren Arbeitsort nach persönlicher Zufriedenheit und Produktivität wählen wollen, und darauf zu vertrauen, dass die eigenen Leute leistungsbereit sind. Arbeitgeber, die diesen Punkten für sich zustimmen, werden auch eine Lösung für die vermeintlich zu hohen Bürokosten finden.

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Der Autor

Beigestellt.

Stefan Häckel (* 1976), Studium der Medientechnik und des Mediendesigns. War einer der Gründer von Vice Media Österreich und u. a. CEO. Leitet seit Anfang 2023 in Wien die Agentur Kubrik.

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