Gab es das Troja der Ilias wirklich? Oder ist das Epos reine Fiktion?
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omer kannte Troja - zumindest ist dies sehr wahrscheinlich, denn der Dichter der Ilias, wenn es ihn gab, musste weitgereist sein. Allerdings war der Ort damals - die Ilias wurde im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt schriftlich fixiert - ein Trümmerfeld. Die erste griechische Hochkultur der Mykener war um 1200 v. Chr. zerfallen - weshalb ist umstritten. Fest steht: Die Stadt an den Dardanellen war in das Großreich der Hethiter-Könige eingebunden gewesen und immer wieder in politische und kriegerische Auseinandersetzungen geraten, besonders mit den Herrschern von Achijawa - den Achaiern der "Ilias". Klare geografische Angaben in Homers Epos lassen darauf schließen, dass die Ausgrabungen in der Westtürkei tatsächlich dem Troja des Dichters entsprechen. Zeus beobachtet laut Homer vom Höhenzug des Ida-Gebirges aus das Gemetzel. Hinweise wie diese führten im 19. Jahrhundert zur Lokalisierung der Ruinen.
Durch einen Zufall stieß Heinrich Schliemann 1870 auf den Hügel Hisarlik und begann mit seinen Grabungen. 1873 legte er den "Schatz des Priamos" frei - 8833 großteils winzige Artefakte, darunter ein prachtvolles Golddiadem, Ohrgehänge und eine Schale mit zwei Henkeln. Außerdem entdeckte der Hobby-Archäologe neun Hauptschichten der Siedlung - heute als Troja I bis IX bezeichnet. Schliemann gilt seitdem als Wiederentdecker Trojas.
Den Brandschutt über der untersten Schicht hielt er für ein Indiz des trojanischen Krieges. Ein Irrtum: Bei seiner letzten Grabung stellte sich heraus, dass es sich bei der verbrannten Stadt um Troja II handelt - was der Zeit von 2600 bis 2300 v. Chr. entspricht. Damals waren die Griechen noch nicht einmal in die südliche Balkanhalbinsel eingewandert. Ein Krieg um Troja wäre hingegen nur in die Zeit zwischen 1250 und 1150 v. Chr., also die Endphase von Troja VI und/oder den Beginn von Troja VII, zu datieren - falls es ihn überhaupt gegeben hat.
Doch wie soll Homer 500 Jahre später davon erfahren haben? Denkbar ist, dass Begebenheiten aus der Zeit Mykenes durch mündliche Überlieferung - in der Tradition der Sängerdichter - bis in die Gegenwart Homers tradiert wurden. Für Wissenschaftler wäre ein Krieg in Troja jedenfalls kaum nachzuweisen, meint der Wiener Archäologe Fritz Blakolmer: "Zerstörungen und Brände gab es immer. Auch Erdbeben sind in der Ägäis nicht verwunderlich. Und Metallwaffen findet man nicht - diese wurden eingeschmolzen und wiederverwertet." Er selbst betrachtet die Ilias als identitätsstiftendes Werk, dessen historische Authentizität irrelevant ist. Ganz anders seine Kollegen in Deutschland. 2001 brach in den deutschen Medien ein Gelehrtenstreit aus, der seitdem die Altertumsforschung spaltet.
1988 hat der Tübinger Archäologe Alfred Korfmann nach Jahrzehnten die Grabungen in Troja wieder aufgenommen. Er entdeckte einen Verteidigungsgraben und Toreinlagen, aus denen hervorgeht, dass Troja VI und Troja VIIa eine weitläufige Unterstadt hatten. Damit änderte sich die Auffassung vom Aussehen und der Bedeutung Trojas grundlegend: Aus einem kleinen Herrschaftssitz ist eine Metropole an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident geworden. Die Stadt soll etwa so groß gewesen sein wie Hattusa, die Hauptstadt des Hethiterreichs. Nicht ein Provinzfürst, sondern ein ernst zu nehmender Herrscher soll nach Korfmann Troja regiert haben.
Aufsehen erregte bei den Grabungen auch ein kleines Bronzesiegel mit luwischen Schriftzeichen. Daraus ergab sich, dass Wilusa (also Ilios) im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. ein hethitischer Vasallenstaat war, regiert von einem unabhängigen König oder Fürsten. Einer davon hieß Aleksandu - für manche ein Hinweis auf Homers Prinzen Paris, der mit zweitem Namen Alexandros hieß. Für den Tübinger Althistoriker Frank Kolb sind das bloße Spekulationen. Er hält die Vorstellung Trojas als einer blühenden Stadt für weit überzogen. Wem also glauben? Blakolmer: "Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Geltungsdrang und Neid spielen da sicher auch eine Rolle." Die Arbeit Korfmanns sei jedenfalls vorbildlich, der Aufwand, den er treibe, gigantisch.