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Optimismus lohnt sich

Amerikaner sind zuversichtlicher als Österreicher. Auch, was die Finanzmärkte betrifft.
Amerikaner sind zuversichtlicher als Österreicher. Auch, was die Finanzmärkte betrifft. Reuters / Brendan Mcdermid
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Es kann durchaus sein, dass nun der richtige Zeitpunkt ist, etwas mehr Bargeld als sonst zu halten. Aber machen Sie es ein bisschen mehr wie die Amerikaner und glauben Sie fest daran, dass Sie an den Börsen langfristig Geld verdienen werden.

             

Stefan Riecher
Economist-Korrespondent in New York

Stefan Riecher
 

Guten Morgen aus New York,

eine der schönsten Eigenschaften der Amerikaner ist ihr unbändiger Optimismus. Wer in den USA eine Idee hat und Bekannte um ihre Meinung bittet, erhält in aller Regel eine positive Reaktion: „Just do it” oder „I‘m sure it will be great”. Kein Problem, wenn es dann doch nicht so „great” läuft und man scheitert. Aus Fehlern lernt man und es tut sich immer eine neue Gelegenheit auf, es besser zu machen. Dass es in Österreich anders ist, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Pessimismus und Vorsicht sind neben Neid und Grant typische Attribute. Und wenn Sie mir jetzt grantig zurückschreiben, dass das gar nicht stimmt: Erwischt!

Auch was die Finanzmärkte betrifft, sind die Amerikaner optimistischer als die Österreicher. Wie an dieser Stelle oft geschrieben, ist es für die meisten Amerikaner selbstverständlich, langfristig an der Börse investiert zu sein. Unterhält man sich mit Österreichern über die Börse, erhält man — auch von gebildeten und weltoffenen Menschen — häufig die gleichen Antworten: „Zu viel Risiko” oder „Damit kenne ich mich nicht aus” oder „Da gehe ich lieber ins Kasino”. 

Ich lebe mit Unterbrechungen seit mehr als zehn Jahren in den USA und seit mehr als 15 Jahren schreibe ich über die Finanzmärkte. Ich bin begeisterter Investor und davon überzeugt, dass die Börsen für den herkömmlichen Bürger ein sehr guter Weg zum Vermögensaufbau sind. Tief drinnen in mir wird aber immer der Österreicher sitzen und viel zu oft ertappe ich mich dabei, pessimistisch und vorsichtig zu sein. Seit Monaten warte ich auf die nächste Korrektur oder einen Bärenmarkt. Die Bewertungen sind hoch, genauso wie die Inflation und die Hoffnungen auf Zinssenkungen ohne vorherigen Konjunktureinbruch halte ich für übertrieben. Das ist ein gefährlicher Mix mit viel Potential für Kursverluste.

Nur die Verluste sind freilich bisher ausgeblieben, abgesehen von einem im größeren Vergleich minimalen Rückgang im April. Womit wir wieder beim Thema Optimismus sind. Die Börsianer fokussieren sich momentan auf jede positive Meldung, selbst wenn es aus geopolitischer und makroökonomischer Sicht allen Grund dazu gäbe, zurückhaltend zu sein. Der Kurstreiber in den vergangenen Tagen waren wieder einmal die Bilanzzahlen der großen Techkonzerne. Im Schnitt stieg der Gewinn pro Aktie bei den Magnificent Seven — Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon, Nvidia, Netflix und Tesla — im ersten Quartal um knapp 50 Prozent, verglichen mit einem Plus von sieben Prozent für die 500 Firmen des S&P 500 Index. Das führte dazu, dass der Nasdaq Index in wenigen Tagen fast den ganzen Verlust der letzten Wochen wettgemacht hat und in dieser Woche bereits wieder an seinem Rekordhoch kratzte.

EINFÜGEN GRAFIK: NASDAQ COMPOSITE INDEX ÜBER ZEITRAUM VON EINEM JAHR

Die wichtigste Lektion für den herkömmlichen Kleinanleger, vor allem den vorsichtigen, ist, dass man sich niemals, absolut niemals, komplett aus dem Aktienmarkt zurückziehen sollte, sofern man einige Grundregeln beachtet. Wer langfristig in einen global signifikanten Index wie den S&P 500 anlegt und dabei nicht das ganze Kapital zum gleichen Zeitpunkt investiert, sondern Schritt für Schritt zukauft, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit viel besser abschneiden als der typische Österreicher, der sich lieber vom Aktienmarkt fernhält, weil dieser „zu risikoreich ist”.

Seien Sie ruhig etwas skeptisch, auch ein wenig Vorsicht mag manchmal nicht schaden, und es kann durchaus sein, dass nun der richtige Zeitpunkt ist, etwas mehr Bargeld als sonst zu halten. Aber machen Sie es ein bisschen mehr wie die Amerikaner und glauben Sie fest daran, dass Sie an den Börsen langfristig Geld verdienen werden.

Ich wünsche Ihnen viel Optimismus und ein entspanntes Wochenende.

Stefan Riecher

stefan.riecher@diepresse.com

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