Der Grazer Dichter Alfred Kolleritsch kennt Elfriede Jelinek fast seit Beginn ihrer Karriere. Der "Presse" schildert er seine berühmte Kollegin.
WIEN. "Ich bin mit ihr befreundet und habe ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihr." Mit diesem paradoxen Satz beginnt Alfred Kolleritsch, Mitbegründer des "Forum Stadtpark", Vater der Literaturzeitschrift "manuskripte" und somit auch einer der bedeutendsten Förderer der modernen österreichischen Literatur eine Charakterisierung der großen Jelinek. Viel Stolz klingt mit und ein wenig Aufgeregtheit.
Er schätze sie auch sehr wegen ihrer Treue zu den "manuskripten", in der sie seit Jahrzehnten regelmäßig publiziert. "Sie hat betont, für keine Literaturzeitschrift außer dieser zu schreiben." Einmal habe es eine gröbere Auseinandersetzung mit ihr gegeben. "1968/69 gab es einen Konflikt um die bürgerliche und die engagierte Literatur, da war auch Michael Scharang involviert, der ihr nahe steht."
Seit wann kennt Kolleritsch die Autorin? "Wir sind uns erstmals in den Sechzigerjahren bei den Jugendkulturwochen in Innsbruck begegnet. Da hat sie die Preise für Lyrik und Prosa gewonnen, ich saß in der Jury. So ist eine Freundschaft entstanden."
Warum ist er trotzdem distanziert? "Wenn man sie um etwas bittet, bekommt man es. Man sollte Elfriede Jelinek nicht ausnützen." Gegen andere Autoren sei sie großzügig. "Sie hat sehr schön über Handke geschrieben, der übrigens auch einen Nobelpreis verdienen würde und einmal in der engsten Auswahl gewesen sein soll. Jelinek ist ein sehr kritischer Mensch, aber die Kollegen hat sie immer sehr geschätzt." Was zeichnet sie als Schriftstellerin aus? "Sie ist eine großartige Schreiberin, hat eine eigene Form der Poesie. In der Prosa unternimmt sie eine riesige Sprachanstrengung", sagt Kolleritsch, der kein Lieblings-Werk nennen will: "Alles von ihr im Theater hat mir gefallen. Sie hat eine bestimmte Kraft und ist zudem noch risikoreich." Wo kann man sie einordnen? "Als große Sprachkünstlerin, mit expressionistischer Prosa. Einiges an ihren Texten erinnert an den frühen Canetti. Da gibt es eine hohe formale Eigenart, sie schreibt sehr dicht. Nicht im Erzählen, sondern im Erfinden ist sie groß."
Ihre Persönlichkeit beschreibt der Grazer Dichter so: "Sie ist eine sehr scheue Person, die mutig zu dieser Scheu steht. Sie weicht den Leuten aus, die nicht teilen können." Im privaten Umgang sei sie aber höchst Anteil nehmend und freundschaftlich. "Zwischen uns gibt es eine gemeinsame Welle, die uns getragen hat." Zur politischen Person sagt Kolleritsch: "Elfriede Jelinek war lange Mitglied der KPÖ, so wie Scharang. Sie wollte sich eben nicht ihre Weltanschauung an den Rändern aufweichen lassen und ist eine kritische Linke geblieben, eine positive." Das sei einfach erklärbar: "Elfriede Jelinek ist eine Schriftstellerin mit Gewissen."