Jüdisches Leben

Der Wiener Dialekt klang schrecklich süß in meinen Ohren

Lore Segal mit eineinhalb Jahren am Hamerlingplatz in der Josefstadt.
Lore Segal mit eineinhalb Jahren am Hamerlingplatz in der Josefstadt.Lore Segal
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Die Schriftstellerin Lore Segal kam 1938 mit zehn Jahren im ersten Kindertransport nach England. Ihre Eltern konnten später fliehen. Für das „Spectrum“ schrieb sie eine Erzählung über einen Besuch in Wien.

Jänner. „Heute bekommt Maggie endlich die österreichische Staatsbürgerschaft“, sagte Ilka.

„Gratuliere!“ – „Super!“ – „Das ist toll!“, antwortete die Zoom-Galerie. Ihre Freundinnen saßen alle am Computer und freuten sich für ihre Tochter.

„Ja, das ist schon toll“, sagte Ilka, „aber ich habe das Gefühl, wir haben dafür ewig gebraucht. Die Gespräche mit den Konsulaten, die Einreichung der Dokumente, Maggie musste ihre Geburtsurkunde beglaubigen lassen etc. etc. Es gab eine ganze Menge Etceteras.“

„Und du? Du selber hast nicht um die österreichische Staatsbürgerschaft angesucht?“

„Nein, das habe ich nicht“, sagte Ilka. „Ich musste daran denken, wie verzweifelt meine Eltern damals waren, als sie versuchten, all die Dokumente aufzutreiben, die wir für unsere Emigration gebraucht hätten. Ich habe mich daran erinnert, wie sie jeden Morgen auf die Post gewartet haben. Darauf, dass die Post rechtzeitig die lebenswichtigen Dokumente bringt, bevor zwei andere lebenswichtige Dokumente ungültig wurden. Aber die Dokumente kamen zu spät. Sie haben uns die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt. Es hat mich verwirrt, dass ich nicht nur als staatenlos galt, sondern als unnatürlich, bevor mich die Amerikaner wieder naturalisiert haben.“

„Das ist aber nicht die richtige Bedeutung des Wortes“, sagte Bridget. „Naturalisiert ist eine Pflanze, wenn sie in einer Umgebung wächst, in der sie nicht heimisch ist.“

„Maggie hat sich ein Ticket nach Wien gekauft. In Wien war ich heimisch“, sagte Ilka.

„Und du fährst nicht mit?“

„Erinnert ihr euch daran, wie wir gesagt haben: keine Züge, keine Flüge mehr?“

„Aber du bist doch schon einmal zurückgefahren.“

„Ja. Ein paarmal.“

„Und wie war’s?“

So aufgeregt wie ein Kind im Zuckerlgeschäft

„Beim ersten Besuch war ich wahnsinnig aufgeregt – so aufgeregt wie ein Kind im Zuckerlgeschäft. Ich habe meinen Koffer ins Zimmer gebracht und bin sofort wieder aus dem Hotel gestürmt, um das Palais auf der anderen Straßenseite zu suchen, an das ich mich noch erinnern konnte. Und den Turm, den ich im Vorbeifahren gesehen habe. Aber ich wurde abgelenkt. Ich bin vor einem Durchgang stehen geblieben, er gab den Blick auf einen schattigen Hof mit einer alten Wasserzisterne frei. Und dann habe ich durch eine offene Tür eine riesige Barockstatue gesehen, die das ganze Stiegenhaus auf ihren Schultern zu tragen schien“, sagte Ilka.

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