Klimakonferenz „Tipping Time“

Wie ein Soziologe Munchs „Schrei“ und eine kalte Dusche unter einen Hut bringt

Edvard Munchs „Der Schrei“ vor blutrotem Himmel - Die Klimakrise stellt den Schrei in einen anderen Kontext, meint Soziologe Schultz.
Edvard Munchs „Der Schrei“ vor blutrotem Himmel - Die Klimakrise stellt den Schrei in einen anderen Kontext, meint Soziologe Schultz.APA / APA / Hans Klaus Techt
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Der Auftakt zur etwas anderen Klimakonferenz in St. Pölten hat einige Denk-Anstöße – wohl über die Veranstaltungsdauer hinaus: Aus der philosophischen Perspektive stelle sich viele Fragen brisanter – oder überhaupt neu.

Für viele Zeitgenossen wird Philosophie oft in Verbindung gebracht mit langen, verschachtelten Sätzen, deren Bedeutung sich oft nicht eindeutig erschließt. Und auch nicht sofort. Dieses Bild muss der Däne Nikolaj Schultz wohl mit im Reisegepäck aus Paris nach St. Pölten gehabt haben, als er mit seinem Vortrag „Tipping Time“, die „Klimakonferenz der Zivilgesellschaft“, im St. Pöltener Sonnenpark startete. Die Konferenz endet Samstagnacht.

Schultz‘ Vortrag wurde dagegen sogar kurzweilig, obwohl es um nicht mehr und nicht weniger darum ging, wie die „existentielle Transformation des Menschen in Zeiten eines globalen Klimawandels aussieht“. Schultz’ Anfang klang ganz danach, als wolle er es mit Friedrich Nietzsche halten („Die große Kälte macht geschwind“): „Die großen Probleme sind wie eine kalte Dusche“, so Schultz, „man muss schnell unter das Wasser, und auch schnell wieder hinaus.“

Allerdings: Bei großen, vielschichtigen Fragestellungen des Seins, und wohl auch des Daseins, kommt die kalte Dusche erst später. Am Anfang ist vielleicht ein Schritt zurück angeraten. „Vielleicht ist es auch so“, meint Schultz, „dass wir nicht diesen einen Schritt zurückgetreten sind, sondern eher gestolpert; gestolpert in eine andere Welt. In eine Welt, die sich geändert hat. In eine Welt, die sich in etwas gänzlich Anderes verwandelt hat.“

„Kurzum: Es schaut nicht gut aus“

Er beschreibt unsere Welt als eine „zunehmend ökologisch geschädigte“, was auf die menschlichen Eingriffe zurückzuführen ist. Die Konsequenz davon sei, dass dieser Planet für einige Arten heute weniger gastfreundlich ist, und zu diesen Arten zählt Schultz auch den Menschen. „Kurzum: Es schaut nicht so gut aus.“

Philosophisch ortet Schultz, dass sich damit eine „Krise der Empfindsamkeit, oder zumindest die Wahrnehmung einer solchen“ gegenüber den nicht-menschlichen Lebensformen breit gemacht habe. Dieses Abhandenkommen der Verbindung habe dazu geführt, dass diese nicht-menschlichen Lebensformen immer stärker als Produktions-Ressource verstanden werden.

Diese Gedankengänge wurden bereits seit ein paar Jahrzehnten gesponnen, insbesondere von dem im Vorjahr verstorbenen Bruno Latour. Schultz geht allerdings einen Schritt weiter. Er meint, dass wir nun sehen, wie die Beziehung des Menschen mit unterschiedlichsten anderen Lebensform, auch jenen, von denen wir abhängig sind, schwindet. Und damit geht es nicht mehr ausschließlich darum, dass die Empfindsamkeit des Menschen für die ihn umgebende Umwelt erodiert, sondern dass auch die Empfindsamkeit für die eigene Verwundbarkeit des Menschen bröckelt.

Schultz versucht dies anhand einiger Beispiele zu illustrieren: „Es ist das Eine, wenn man im Bett in Paris liegt und vor lauter Hitze keinen Schlaf findet, während man auf seinem Smartphone lesen kann, dass in Pakistan mit 52 Grad Celsius ein neuer Hitzerekord gemessen worden ist, wie auch an den Tagen zuvor und ebenso wie dies für die bevorstehenden Tage prognostiziert wird. Aber es ist etwas Anderes, wenn man den Ventilator einschaltet oder unter die Dusche geht, um diese Hitze aushalten zu können. Wir schrauben damit den Energieverbrauch in die Höhe und machen die Hitze noch schlimmer.“

Zur Person: Nikolaj Schultz

Der gebürtige Däne ist Soziologe, 33, und forscht an der Universität Kopenhagen. In einem Masterprogramm an der Universität Sciences Po in Paris entdeckt ihn Bruno Latur, Vorreiter der politischen Ökologie. Es entsteht eine Zusammenarbeit, die sich 2022 im Buch „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“ niederschlägt. Vor zwei Monaten erschien die deutschsprachige Ausgabe von „Landkrank“. Darin versucht er ein Narrativ für die ökologische Krise zu entwickeln. Er glaubt, dass es von entscheidender Bedeutung sei, dass die Klimakrise – und was sie mit der Menschheit macht – konkret benannt werden müsse, um eine Gegenbewegung hin zu einem klimaverträglichen Leben möglich zu machen.

Und weiter: „Unsere Zeit ist also nicht nur charakterisiert durch eine Krise der Empfindsamkeit anderen Lebensformen, den Menschen, einer sich ändernden Welt gegenüber, wir erleben auch eine Krise der Empfindsamkeit zu dem, was wir Menschen geworden sind.“

Aufzuzeigen versucht er es anhand einiger konkreter Beispiele: „Haben sie heute die gleichen Gedanken und Assoziationen wie vor 20 Jahren, wenn sie in einen Flughafen gehen? Oder in einen Supermarkt?“ Schultz geht noch weiter, indem er zwei unterschiedliche Perzeptionen von Edvard Munchs „Der Schrei“ beschreibt. „Der blutrote Himmel stand sinnbildlich für Angst und Pein, die Menschen seit jeher heimsuchen. Jetzt aber steht es für das Bedrohliche, das der Mensch selbst geschaffen hat.“

„Freiheit gefährdet deine Lebensbedingungen“

Angesichts dessen spinnt er Søren Kierkegaard weiter und fragt: „Was bedeutet es, im Athropozän zu zittern, zu fürchten, dass die Freiheit, an die du immer geglaubt hast, deine Lebensbedingungen gefährdet.“ Schritt um Schritt werfe der Mensch die schädlichen Fußabdrücke um sich, ehe sie, wie ein Boomerang, zu ihm zurückkehren, und das eigene Leben destabilisieren.

Dies lässt Schultz Milan Kundera’s „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ umwandeln in „Die unerträgliche Erschwernis des Seins“. Die Schlussfolgerung aus alledem lässt Schultz zwei Fragen stellen. Es gehe nicht mehr darum zu untersuchen, was Sinn und Zweck der menschlichen Existenz seien, sondern auch darum, welche Lebewesen die Existenz anderer Lebewesen zulassen oder verbieten. „Ein neuer Existentialismus muss in der Lage sein, diese beiden Fragen gerade deshalb zu stellen, weil sie nicht mehr unterschieden werden können.“

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