Die Mündung des Niger in Nigeria. Ölförderung ist seit Jahrzehnten die Ursache für Menschenrechtsverletzungen und Konflikte. Es gibt Tausende Tote.
Klimakonferenz der Zivilgesellschaft

Klimaschutz: „Viele von uns glauben euch nicht mehr“

Afrika folgt Europas Klimaschutz-Bestrebungen reserviert. Ein nigerianischer Aktivist, der in Europa lebt, spricht darüber, warum eine Entschuldigung und Reparationen überfällig seien. Und Klimawissenschaftlerin Friederike Otto erläutert, was schon heute gegen die Klimakrise getan werden kann.

Gut 30 Jahre ist es her, dass Peter Emorinken-Donatus nach Europa gekommen ist. Er lebt jetzt in Köln, ist als Journalist tätig und immer wieder auch als Aktivist. Er stammt aus Nigeria, hat im Niger-Delta gelebt, das seit Jahrzehnten Schauplatz von Menschenrechtsverletzungen und ausgedehnten Umweltverschmutzungen ist. In der Region sind zahlreiche amerikanische und europäische Ölkonzerne aktiv, oft als Joint Venture mit einem nigerianischen Unternehmen.

200 neue Öl- und Gasprojekte

Hier hat Ken Saro-Wiwa, ein Schriftsteller und Fernsehproduzent, die Movement for the Survival of the Ogoni People mit-begründet und ist zu einem der Wortführer gegen Umweltverschmutzung und Korruption im Niger-Delta geworden. 1994 wurde der damals 53-Jährige verhaftet, zu Tode verurteilt und erhängt.

Fast 30 Jahre später ist Peter Emorinken-Donatus nach St. Pölten zur Tipping Time – Klimakonferenz der Zivilgesellschaft eingeladen worden, um darzulegen, was mit „Verantwortung übernehmen“ konkret gemeint sein kann. Der Exil-Nigerianer sucht, wie er seinen Vortrag benannt hat, „dekoloniale und rassismuskritische Antworten auf die Klimakrise“.

Acht Zentimeter Öl auf dem Grundwasser

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat über die Verschmutzung im Niger-Delta einen Bericht verfasst, der 2017 veröffentlicht wurde. Festgestellt wurde unter anderem eine acht Zentimeter hohe Schicht raffinierten Öls auf dem Grundwasser. Die Dauer von Reinigung und Gegenmaßnahmen wird auf „25 bis 30 Jahre“ geschätzt.

Er prangert die offiziellen Klimakonferenzen an und die dort geäußerten Beteuerungen Europas und der USA, den Schutz des Klimas voranbringen zu wollen. „Viele von uns glauben euch das nicht mehr“, sagt Emorinken-Donatus, und diese Reserviertheit afrikanischer Staaten sei auch bemerkbar bei den Debatten in den UN um den russischen Krieg gegen die Ukraine oder beim Krieg im Nahen Osten.

Und er kritisiert, dass allein in Nigeria an die 200 neue Öl- oder Gasprojekte gestartet worden sind, die zu zwei Dritteln von US-Konzernen, Firmen aus Europa und auch aus China (mit-)finanziert werden. „Warum macht man das, wenn man ohnehin von den fossilen Energien aussteigen will?“ Er führt die Tausenden Kilometer von Pipelines ins Treffen, verweist auf die Gefährdung des zentralafrikanischen Regenwalds (vor allem in der Demokratischen Republik Kongo) – lauter Projekte, an denen westliche Firmen beteiligt seien.

„Warum das Licht erst am Ende des Tunnels?“

Damit setze sich, so Emorinken-Donatus, die Hunderte Jahre währende Kolonisierung, die „wir ,die große Zerstörung’ nennen“, fort. Vor diesem Hintergrund sagt er: „Afrika hat Europa aufgebaut“, zumal ein derartiger Aufbau von Wohlstand in Europa und den USA auf Kosten der Menschen in Afrika gegangen sei. Und immer noch gehe. Damit das zerrüttete Verhältnis zwischen Afrika und dem Westen wiederhergestellt werden könne, fordert er eine Entschuldigung der ehemaligen Kolonialstaaten, Reparationen, die Zusicherungen, sich eigenständig entwickeln zu können, Rechtssicherheit zu bekommen (etwa durch „Ökozid-Verbot“), dass Raubbau und Interventionen ausbleiben. Erst danach, so der Exil-Nigerianer, könne „eine gemeinsame Transformation“ gelingen.

Was ihn schließlich über die Metapher des „Lichts am Ende des Tunnels“ laut nachdenken lässt. „Warum das Licht erst am Ende des Tunnels? Im Tunnel ist es viel sinnvoller.“ Und auch, dass man nicht hintereinander gehen solle, sodass sich der eine, der hinten Gehende, auf den anderen verlassen können muss. „Besser ist, nebeneinander zu gehen und gemeinsam nach dem richtigen Weg zu suchen, mit dem Licht im Tunnel.“ Was also bedeutet es aus seiner Perspektive, Verantwortung zu übernehmen? Emorinken-Donatus tritt dafür ein, dass sich die Zivilgesellschaft mit noch größerer Vehemenz einbringt, Druck auf Politiker und Wirtschaft erhöht und die Dinge in aller Klarheit benennt.

Montag ist Katastrophentag

In aller Deutlichkeit positioniert sich auch Friederike Otto gegen Angst und Verzweiflung. Und das, obwohl für die britische Klimaexpertin, die in London forscht und am Samstag einen Vortrag auf der Klimakonferenz der Zivilgesellschaft gehalten hat, jede Woche mit Katastrophen startet – jenen, die sich in den Tagen zuvor zugetragen haben. Otto und ihre Kolleginnen analysieren diese Extrem-Ereignisse und versuchen herauszufinden, wie viel der Wucht dieser Unwetterkatastrophen dem Klimawandel zuzuordnen sind.

Das ist nur von Einzelfall zu Einzelfall zu beantworten. Generell lässt sich aber sagen: „Bei den Perioden mit Extremhitze kann man davon ausgehen, dass jede Hitzewelle mit der Klimaänderung zu tun hat. Die Hitze kommt häufiger und aggressiver.“ Aber: Es müsse auch infrage gestellt werden, welches Gewicht einer solchen Beurteilung innewohnt.

„Der Klimawandel ist längst da“

Otto: „Denn es ist ja nicht so, dass eine Bombe hochgeht, wenn die 1,5-Grad-Grenze überschritten wird. Es ist nicht so, dass wir auf eine Klippe zufahren und bei 1,5 Grad jäh abstürzen. Die Änderungen kommen Schritt um Schritt, und wir werden es erst im Rückspiegel feststellen, dass wir einen ,tipping point’ erreicht haben.“ Vor allem aber: „Die Klimaänderung ist jetzt längst da, man muss sie bloß erkennen!“

„Poster Girl“ der Klimatologie

Friederike Otto hat nach der Matura ein Physikstudium in Potsdam und ein Promotionsstudium der Philosophie (Wissenschaftstheorie) an der Freien Universität Berlin abgeschlossen. 2018 wechselte sie an die University of Oxford und leitete das Environmental Change Institute. Seit 2021 forscht sie am Grantham Institute for Climate Change and the Environment des Imperial College in London. Otto, die sich selbst als „Poster Girl“ der Klimawissenschaft bezeichnet, verweist auf die Leistungen ihres Teams von Forscherinnen. Otto hat sich unter anderem auf die Attributionsforschung fokussiert; einen Forschungszweig, den sie mitentwickelt hat. Sie ist eine der Lead-Autorinnen des sechsten Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC. Schließlich ist sie Autorin zweier Bücher: „Wütendes Wetter“ (2019) und „Klimaungerechtigkeit“ (2023).

Friederike Otto
Friederike OttoPrivat

Auch zu erkennen sei die deutliche Ungleichheit. Wie viele Todesopfer zu beklagen und Verwundete zu versorgen sind: Das hängt nicht nur von der Wucht eines Unwetters ab, sondern vor allem auch davon, ob Vorbereitungen auf derartige Notsituationen gemacht wurden. Otto: „Gibt es Notfallpläne? Gibt es eine intakte Gesundheitsvorsorge? Haben die Menschen Zugang zu sauberem Wasser?“ In vielen Ländern fehle es an Geld, um Dämme zu bauen oder sie entsprechend zu warten.

„Es gibt so viel, was wir tun können“

Angst vor dem Klimawandel ist fehl am Platz, meint sie. „Es gibt so viel, was wir tun können und was wir tun müssen.“ In Indien gebe es etwa viele Städte, in denen Hitze-Notfallpläne entwickelt werden, „in denen auch bekannt gemacht wird, in welchen öffentlichen Gebäuden Menschen vor der Hitze eine abkühlende Zuflucht finden können.“ Ihre Devise lautet: „Keine Angst haben! Um die Welt besser machen zu können.“ Es gebe viele lokale Maßnahmen, die möglich sind – ganz ohne eine internationale Konferenz und ohne international verbindlichen Vertrag.

Und es bedarf nicht nur der überzeugenden Fakten, sondern auch einer Erzählung und des Widerspruchs. Etwa dann, wenn behauptet wird, dass „wir jetzt in der bestmöglichen Welt leben. Viele Menschen glauben, dass unser Lebensmodell, unser Wohlstand von fossilen Energien abhängt, ohne sie nicht möglich sind. Wir müssen solchen Erzählungen entgegentreten. Vehement.“

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