"Plan of Attack": interessant zu lesen, aber nicht unbedingt eine kritische Auseinandersetzung mit US-Politik.
Bob Woodwards neuestes Buch über den Irak-Krieg
Eine große innenpolitische Journalis tin sagte einmal: Wenn der Politiker, über den man eine Geschichte ge schrieben hat, die Geschichte lobt, dann hat man etwas falsch gemacht.
Bob Woodwards neues Buch "Plan of Attack" (Simon & Schuster, New York, 467 Seiten, 28 Dollar) über die Entscheidungsabläufe im Weißen Haus, die zum Krieg gegen den Irak führten, steht an erster Stelle der Leseliste der Bush-Cheney-Präsidentschaftskampagne. Damit ist eigentlich schon viel über das Buch gesagt.
Man täte dem großen Aufdecker (Watergate) freilich unrecht, würde man "Plan of Attack" als Lobhudelei für George W. Bush abtun. Das ist es nicht. Es ist aber auch keine kritische Auseinandersetzung mit der Politik des Weißen Hauses, die zu einem umstrittenen und nach Meinung vieler nicht notwendigen Krieg geführt hat.
Woodward konzentriert sich in seinem mittlerweile zwölften Buch darauf, wie die USA den Krieg vorbereiteten - und wer die Hauptfiguren waren: Außenminister Colin Powell, der tragische Held des Buches, der stets vor dem Waffengang gewarnt hatte, aber ungehört blieb. Dick Cheney, der Vizepräsident, der mit geradezu missionarischem Eifer die Kriegstrommel rührte. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der laut Woodward nur Stunden, nachdem eines der Flugzeuge der Terroristen im Pentagon einschlug, schon von einem Rachefeldzug gegen den Irak sprach. Mit faszinierender Kenntnis schildert Woodward Treffen, zitiert meist in direkter Rede, was bei den geheimen Gesprächen gesagt wurde, und vergisst nicht auf die kleinen Details, die seine Bücher so kurzweilig machen.
Da schildert er etwa ein Briefing im Verteidigungsministerium vor der Angelobung, bei dem Bush alle Zuckerln aufisst, Cheney einnickt und Rumsfeld wiederholt darum bittet, man möge lauter sprechen. "Ein guter Start", zitiert er danach ein Gespräch von Offizieren. "Der Vizepräsident schläft ein, der Verteidigungsminister ist taub."
An anderer Stelle beschreibt er, wie die CIA mit Millionen Dollar (stets in 100-Dollar-Scheinen) irakische Informanten bezahlte. Weil niemand Dollar wechseln konnte, kostete im irakischen Sulaymaniyah auf einmal alles 100 Dollar, selbst eine Tasse Kaffee. Interessant auch die Reaktion Bushs, als ihm ein Mitarbeiter berichtet, dass man den Demokraten das Filibustern im Senat verderben ("vitiate") werde. "Nicky, what the fuck are you talking about, vitiate?", donnerte Bush, der das Wort nicht kannte.
Woodward geht in seinen Schilderungen aber kaum in die Tiefe. Warum Cheney so versessen darauf ist, Krieg gegen den Irak zu führen, kann man nur ahnen. An einer Stelle bezeichnet er den stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz als den "intellektuellen Paten und eifrigsten Befürworter des Sturzes von Saddam Hussein". Warum? Auch das erfährt man nicht.
Die Schlampereien der CIA - bei einem CIA-Briefing zweifelt sogar Bush an den dargelegten Beweisen für Massenvernichtungswaffen - werden nicht kritisch hinterfragt. Ganz unkritisch wird es, wenn der Präsident die Bühne betritt. Dann wird ein Oberbefehlshaber geschildert, der sich um zivile irakische Opfer sorgt; mehrmals nachfragt, ob keine Schulen in der Nähe von Angriffszielen sind; der von den Ängsten der einfachen Soldaten weiß; der aber in der Stunde der Entscheidung nicht zögert, sondern Führungsstärke zeigt, dabei immer an seine Mitbürger denkend: Mit den Worten "Let's win it" gibt Bush das Startzeichen für den Krieg. Dann dreht er sich laut Schilderung Woodwards abrupt um und spricht leise, mit Tränen in den Augen, ein Gebet für die US-Truppen.
Schon in seinem vorangegangenen Buch "Bush at War" über den 11. September und den Afghanistan-Krieg tätschelte Woodward schreiberisch den Präsidenten. Erst damit verschaffte er sich den einmaligen Zugang zu der sonst so verschlossen arbeitenden Administration (Powell erklärte jüngst in einem TV-Interview, es sei Teil der Anweisungen des Weißen Hauses gewesen, mit Woodward für sein neues Buch zusammenzuarbeiten). Die offene Türe will sich der Journalist offenbar nicht so schnell wieder zuschlagen. In seinem Gespräch mit Bush stellt er die Frage, ob dieser in Bezug auf Massenvernichtungswaffen in die Irre geführt wurde oder ob er das Land in die Irre geführt hat? Entlarvend der Zusatz Woodwards: "Einer meiner Chefs bei der ,Washington Post' hat diese harte Frage zu den Waffen vorgeschlagen." Dass er gut beim Recherchieren und weniger gut beim Analysieren ist, hat Bob Woodward vor Jahren in einem Interview zugegeben. Wer, was, wann, wo, das erfährt man detailliert.
Das fünfte W - Warum - kommt zu kurz. Dennoch ist "Plan of Attack" ein Krimi für politisch Interessierte. Einen derart detaillierten Einblick in das Weiße Haus von George W. Bush bekommt man erst zum zweiten Mal (nach "Bush at War"). Ein drittes Mal scheint nach diesem Buch möglich.