Giro d‘Italia

Rad-Star Geraint Thomas: „Wir sind nur die Clowns in diesem Zirkus“

„Grantiger alter Mann“: Giro-Star Geraint Thomas.
„Grantiger alter Mann“: Giro-Star Geraint Thomas. APA
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Schlaglöcher, Positionskämpfe, Chaos im Peloton: Geraint Thomas holt zum Rundumschlag in der Sicherheitsdebatte aus.

Für viele ist Geraint Thomas einer der letzten „Typen“ im Peloton. Umjubelter Tour-de-France-Sieger 2018, drei weitere Podestplätze bei den Grand Tours, auch aktuell beim Giro d’Italia wieder auf Stockerlkurs und hierzulande bekannt als Sieger des bisher letzten Grazer Altstadtkriteriums (2022).

Vor allem aber ist der 37-jährige Waliser ein offenherziger Erzähler aus der Radsportwelt, dank seines launigen Podcasts („Geraint Thomas Cycling Club“), in dem er die Stars und auch ansonsten schwer greifbare Akteure wie Teambesitzer und Ineos-Boss Jim Ratcliffe zum Gespräch bittet. Dann werden auch Animositäten ausgeplaudert, es wird über die Entwicklung des Sports sinniert oder der Wahl-Monegasse erzählt von seiner Offseason, die sich großteils in den Pubs seiner Heimat Cardiff abspielt. Und während alle aufgeregt Themen wie die Sicherheit nach der Sturzorgie zu Saisonbeginn diskutieren, kommentiert Thomas all das gern trocken mit britischem Understatement und einer Portion Galgenhumor. Doch umso mehr haben die Worte des Ineos-Kapitäns Gewicht.

Wer bremst, verliert

Als nun beim Giro im Finale der neunten Etappe der Tross über Pozzuoli hinein nach Neapel gejagt wurde, über alles andere als rennradtaugliche Straßen und mitgenommene Fahrbahnen, erklärte Thomas: „Wir hüpfen nur so herum. Die Leute sprechen gerade viel über Sicherheit und das war definitiv nicht sicher. Wir sind manchmal nur die Clowns in diesem Zirkus, nicht wahr?“

Vor allem aber sprach er eine Sache an, die sich immer deutlicher als Hauptursache für die vielen Stürze zuletzt, auch unter den Topstars, herauskristallisiert: Im Peloton wird gerast, was das Zeug hält, mitunter ohne Rücksicht auf Verluste. „Diese letzten Abfahrten mit den Löchern in der Straße, es war einfach ein absolutes Chaos“, meinte Thomas. „Und wir tun ins auch selbst keinen Gefallen. Ich habe versucht eine Lücke zu lassen, um die Löcher zu sehen. Aber dann attackiert dich sofort irgendein Idiot um in die Lücke zu rauschen. Es war ein Gemetzel.“

Geraint Thomas in Italien.
Geraint Thomas in Italien. AFP

Tempo und die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Rennen werden nachweislich schneller. Das liegt am immer besseren Material, aber auch an einer Wer-bremst-verliert-Mentalität. Es gibt kaum Ruhephasen, die Rennen werden immer früher eröffnet und jeder will sich einen Platz ganz vorne sichern, die Nervosität steigt. Junge Profis sind solchen Situationen noch gar nicht gewachsen, wollen sich aber trotzdem auf Anhieb profilieren. Weltmeister Mathieu van der Poel erklärte unlängst: „Das gefährlichste Element des Radsports sind die Fahrer selbst.“

Andererseits sind da natürlich die Veranstalter, die Spektakel bieten wollen. So wurden beim Giro auf der sechsten Etappe drei Teilstücke auf Schotterpisten gefahren. „Es sieht so aus, als würde es nun mal so laufen“, kommentierte Thomas. Dass er die Schotterstraßen der Toskana wie nun auch den wilden Ritt durch Neapel – bei seinem Sturz knapp 60 Kilometer vor dem Ziel blieb er unverletzt, musste aber das Rad wechseln – überstanden hat, verdanke er den Ineos-Teamkollegen, die ihren Kapitän so gut es ging abschirmten. „Die Burschen haben wirklich gut auf mich aufgepasst.“

Schnell weg von der Straße

Thomas‘ Chancen auf dem Giro-Gesamtsieg sind aber praktisch dahin, zu überlegen fährt Tadej Pogačar voraus. 2:40 Minuten Vorsprung hat der Slowene bereits auf Daniel Martínez (Bora), Thomas liegt weitere 18 Sekunden dahinter auf Platz drei. Am Dienstag (12.45 Uhr, live Eurosport) wartet auf der zehnten Etappe von Pompei nach Bocca della Selva (142 km) die nächste, wenn auch nicht allzu schwierige Bergankunft. Der erste Ruhetag zuvor am Montag kam Thomas gerade recht. Er habe Abstand gebraucht von seinen wild gewordenen Kollegen auf der Straße. „Ich bin nur froh aus diesem Peloton raus und weg von allen zu kommen, um ehrlich zu sein. Ich bin jetzt ein grantiger alter Mann.“

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